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Wunderschön und gar nicht zickig…

Strauchpäonien sind faszinierende Pflanzenpersönlichkeiten! Ihre edle Gestalt und die wundervollen Blüten scheinen einer fernen Märchenwelt zu entstammen. Doch obwohl wir ihre Schönheit keineswegs mit schwer erfüllbaren Ansprüchen bezahlen müssen, sind sie bei uns noch immer weit weniger bekannt oder gar verbreitet als ihre staudig wachsenden Schwestern. Ihre Heimat ist China und Tibet, wo man sie seit über 2000 Jahren kultiviert, liebt und vor allem tief verehrt. Auch hierzulande wird sich wohl kaum jemand, der das erste Mal eine ausgewachsene, in voller Blüte stehende Strauchpäonie erblickt, ihrer prachtvollen und zugleich malerischen Ausstrahlung entziehen können – zwei Meter Höhe und Breite sind keine Seltenheit. Zum Glück gefällt es den Schönen auch in unserem Klima, und seit einigen Jahrzehnten erobern nach und nach Züchtungen aus aller Welt (inzwischen hat sogar Australien das Züchterfieber gepackt) auch unsere europäischen Gärten.

Vor gut 100 Jahren begannen Pflanzenjäger, also all die unerschrockenen Männer und Frauen (ganz recht, auch Frauen!), die über Jahrhunderte unter kaum vorstellbaren Entbehrungen die Gier ihrer Auftraggeber nach unbekannten botanischen Köstlichkeiten stillten, auch Samen verschiedenster Päonien aus China in ihre Heimatländer zu schicken – der Boden für alle spätere Züchtungsarbeit in Europa, Japan und den USA war so bereitet und bringt bis heute immer neue Sorten hervor. In den USA waren es besonders die beiden leidenschaftlichen Züchter Nassos Daphnis und Prof. Arthur Percy Saunders, denen wir die herrlichen, besonders kräftig und stattlich wachsenden "Lutea-Hybriden" mit ihrer großen Farbpalette von weiß über gelb, changierende Pfirsich- und Orangetöne bis hin zu tiefstem Schwarzrot verdanken. Ein jedem Einsteiger zu empfehlender Klassiker ist die robuste, wüchsige Saunders-Schöpfung 'High Noon'.

Und doch bleiben meine besonderen Lieblinge die zahlreichen chinesischen Rockii-Sorten. Gelbtöne finden sich hier zwar nicht, aber sie haben eine unvergleichlich poetische Ausstrahlung. Laub und Blüten wirken trotz üppigen Wachstums in allem ein wenig zarter und feiner als bei der Lutea-Verwandtschaft, auch zeigt sich bei uns im rauen Klima des Vorsollings, dass sie eine schier unerschütterliche Winterhärte in ihren Genen tragen. Sie trotzen in freiem Stand ohne Schaden zu nehmen eiskaltem Wind und langen (Kahl-)Frostperioden. 'Shu Sheng Peng Mo' ("Der Gelehrte, der die Tinte hält") ist eine kräftig wachsende Pflanze mit großen, halbgefüllten weißen Blüten, sie tragen den typischen markanten Basalfleck aller "Rockiis".

Die ersten Samen der Wildform schickte Joseph Francis Rock (1884-1962) 1926 in die USA. Dieser exzentrische Bursche war ein ebenso unermüdlicher wie besessener Pflanzensammler. Kein Abenteuer war ihm zu gefährlich, kein Weg zu lang und beschwerlich, kein Urwald zu undurchdringlich. Aber bitte immer mit Stil – noch in der tiefsten Wildnis bestand er auf edlem Tischgeschirr und dem Einsatz seiner klappbaren Reisebadewanne. Leider sind uns die Gedanken der, man ahnt es, umfänglichen mitreisenden Dienerschaft nicht überliefert…

Höher, schneller, weiter – ist es uns Menschen nie genug? Ein weiterer "Besessener" sei hier der Vollständigkeit halber erwähnt: Toichi Itoh versuchte im fernen Tokio wieder und wieder etwas, das andere vor ihm längst aufgegeben hatten: Unbedingt wollte er der Natur eine Kreuzung von Strauch- und Staudenpäonien abringen. Nach ungezählten Jahren und über 20.000 (!) Kreuzungsversuchen keimten 1948 zum ersten Mal Sämlinge. Genau 36 kleine Hoffnungsträgerinnen waren es. Aber es sollte Itoh nicht vergönnt sein, ihre erste Blüte zu erleben. Erst 1964, acht Jahre nach seinem Tod, blühten die ersten Pflänzchen. – Wie diese spannende Geschichte weiter ging, erzähle ich Ihnen aber ein andermal.

Denn ich will Sie aufgrund der großen Freude, die mir gerade die Strauchpäonien im Garten machen, unbedingt ermuntern, es einmal mit ihnen zu versuchen. Ihre Ansprüche sind trotz der "aristokratischen" Ausstrahlung eher gering. Gerade die Rockii-Sorten erweisen sich bei uns als robust und kaum krankheitsanfällig. Auf keinen Fall wollen sie verwöhnt und mit stickstoffbetonten Düngern "überversorgt" werden. Übrigens: Auch Kompost enthält viel Stickstoff, wer es zu gut meint wird erleben, dass die Pflanzen zwar üppig wachsen, aber kaum blühen. Weniger ist hier tatsächlich mehr. In etwas saureren Böden (wie bei uns) freuen sie sich neben moderaten Kali-Gaben über das Verteilen einer Schaufel mit Schlemmanteil versehenen Kalkschotters im Wurzelbereich und einen sonnigen, luftigen Standort, wenn möglich jedoch ohne Mittagssonne, so kann man die Blütezeit um ein paar Tage verlängern. Der Boden wird vor der Pflanzung tiefgründig durchgearbeitet und sollte durchlässig sein.

Bewährt und immer noch die beste Methode ist die wurzelnackte Pflanzung im Herbst. Strauchpäonien werden veredelt angeboten. Damit sie nach und nach einen vitalen eigenen Wurzelstock ausbilden können, muss die Veredelungsstelle unbedingt 10 bis 15 Zentimeter unter der Erde liegen. Das ist für den Aufbau der Pflanzen von großer Bedeutung und wird leider immer noch oft falsch gemacht (sicher, weil wir Gartenleute wissen, dass die Augen der altbekannten staudigen Verwandten nur knapp unter der Erde liegen dürfen, sonst bliebe die Blüte aus). Seriöse Anbieter werden auf diesen Unterschied immer hinweisen. Nach dem Angießen hält man sich mit Wassergaben sehr zurück, die Wurzeln werden schon bald in die Tiefe wachsen. Strauchpäonien sind an den Boden recht anpassungsfähig, nur extrem saure, verdichtete oder arme Standorte sind ohne Verbesserung nicht geeignet. So mit Informationen ausgestattet, sollte eigentlich nichts mehr schiefgehen. Nur Mut!

Wer intensiver in das verlockende Thema "Päonien" einsteigen will, dem sei die reich bebilderte und mit viel Fachwissen ausgestattete Päonien-Fibel ans Herz gelegt!

Für heute macht die Gärtnerin Feierabend – Das nächste Mal nehmen wir uns "Großes" vor – mehr wird erst einmal nicht verraten…


Text und Fotos: Angelika Traub