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Winternachlese, die dritte

Jetzt, in der ersten Maiwoche, fangen die Thymiane zu blühen an – obwohl am Wochenende die Temperaturen knapp zehn Grad erreichten! Aber wenn die Sonne Lücken in den Wolken findet, wird das Diabas-Gestein gleich warm, aus dem die Trockenmauer im Mittelmeerbereich gebaut ist. In die Oberkante der Mauer ist eine Pflanzrinne eingelassen, in der an die dreißig verschiedene Thymian-Arten und -Sorten wachsen.

Manche von ihnen hat der schlimme Winter arg mitgenommen, so die weißbunten Thymus vulgaris-Sorten 'Silver King' und 'Silverpoesie' sowie die Thymus x citriodorus-Züchtung 'Silver Queen' und auch die schöne gelbbunte Sorte 'Villa Nova'. Umso erstaunlicher, dass die Hybride 'Duftkissen' den Kahlfrost nahezu unbeschadet überstanden hat, sie öffnet jetzt als eine der ersten ihre Blüten. Und auch der Aufrechte Orangenthymian (Thymus ssp. fragantissimus) hat gut ausgetrieben und zeigt seine Knospen. Am besten allerdings von den Thymus vulgaris-Varianten steht 'Compactus' da: dichtes, sattgrünes Laub, viele Blütenansätze.

An einer geschützten Stelle zwischen Gesteinsbrocken hat sogar der zierliche Kleine Gewürzthymian (Thymus vulg. 'Snow White', auch 'Weißblühender Kugelthymian' genannt) seine feinen, hellgrünen, nadeligen Blätter über den Winter gebracht, und noch mehr überrascht hat mich der Französische Küchenthymian (Thymus vulg. 'Chateau Queribus'), der kaum ein Blatt verloren zu haben scheint. Etwas Mühe hat die wunderbar würzige Sorte 'Fleur Provencale', aber auch sie treibt wieder schön aus.

Dass der großlaubige Englische Thymian (Thymus vulg. 'Broadleaf English') mehr oder weniger aufgeben würde, hatte ich erwartet, freilich nicht, dass auch die Sorte 'Porlock' daran glauben musste.

Unschlagbar in einem solch mörderischen Winterverlauf wie dieses Jahr sind allerdings die kriechenden Thymiane. Allen voran sind die Thymus x citriodorus-Sorten 'Lammefjord' und 'Creeping Lemon' zu loben – jetzt schon üppige, mit Knospen übersäte Polster, aus denen Zitronenduft steigt, wenn man darüber streicht. Regelrecht verblüfft hat mich denn doch der Kriechende Orangenthymian (Thymus vulg. 'Orange Spice'), der sogar im Duftkreis, wo er keinen Schutz gegen die Wintersonne und gegen den Wind hatte, lückenlos seine dichten Polster aus schmalen, spitzen Blättchen ausbreitet. Gleich nebenan ist der Kriechende Zitronen-Kümmel-Thymian (Thymus herba-barona var. citriodora) – mit dem wohl intensivsten Zitronenduft unter allen Thymianen – noch weit zurück mit den neuen Trieben, aber auch dieser Duftrasen wird sich wieder schließen.

Unter den vielen Polsterthymianen, die man nicht zum Würzen nimmt, will ich wenigstens die Thymus serpyllum-Sorten 'Amadé' und 'Whirral White' erwähnen, die sich ausbreiten, als hätte es nie einen scharfen Kahlfrost gegeben. Ihre Triebe hängen weit über die Mauerkante und werden bald von Blütenschnee bedeckt sein. Leid tut es mir um die Züchtungen Thymus spec. 'Kokos' und Thymus thracicus 'Pine Wood', beide mit aparten Düften, aber von ihnen sind nur schwach belaubte Ruinen übrig. Ich hätte ihnen mehr Schutz geben müssen.

Umso üppiger grünt der Aromatische Kaskadenthymian (Thymus longicaulis ssp. odoratus), und er öffnet auch schon die ersten rosafarbenen, bis ins Bläuliche spielenden Blütenköpfe. Die Winterbilanz bei den Thymianen fällt also insgesamt überraschend gut aus – und die nächsten Züchtungen stehen schon bereit, um ihren Härtetest zu absolvieren.


Text und Fotos: Ludwig Fischer