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Winterimpressionen

Seit knapp einer Woche liegt der Kräutergarten unter dem Schnee – in den letzten beiden Tagen hat es so viel geschneit, wie wir hier im norddeutschen Tiefland selten abbekommen. Auf dem Hofplatz, wo ich die Garagenausfahrt und den Wendeplatz für das Postauto frei geschaufelt habe, gibt es Schneewälle von unglaublichen sechzig Zentimetern Höhe!

Auch die Wintergrünen, an denen ich mich sonst in der trüben und nassen Jahreszeit immer wieder freue – Elfenblume und Haselwurz, Christrose und Ampfer, einige Storchschnabel-Arten und Winterportulak, und Heil-Ziest – sind unter der weißen Decke verborgen. Trotzdem ist der Kräutergarten im Wintergewand nicht ohne Reiz: Mich packt ja im Herbst kein Zwang zum "Aufräumen", die vertrockneten Blüten und die Fruchtstände auf dürren Stängeln lasse ich einfach stehen. Da konnte jetzt der Schnee den Monarden-Kugeln, den Echinacea-Knöpfen und den übrig gebliebenen Ringelblumen-Häuptern weiße Hüte aufsetzen – so zeichnet der Winter neue Arrangements in den Garten.

Die hohen, verdorrten Blütenstände des Patagonischen Eisenkrauts Verbena bonariensis tragen einen Schmuck aus weißen Kristallen, der fast in Augenhöhe schwebt. Ein, zwei Etagen tiefer bietet Ähnliches der Chinesische Lauch Allium ramosum oder A. odoratum mit seinen, einer kleinen Dolde ähnlichen Samenständen, und auch die leeren Kapseln an den über zwei Meter hohen, ausgedörrten Königskerzen Verbascum olympicum tragen kleine Schneekappen. Wo weniger Schnee haftet, wie an den ausgeblühten Kerzen der Agastachen und den vielen Rispen der Minzen, heben sich die Formen wie mit feinem Griffel schraffiert vom weißen Fond des Schnees ab.

Unübertroffen ist diese Wirkung im mediterranen Gartenbereich, wo die vielen feinen, aber harten Stängel der Oregano-Arten mit den verzweigten, rispenähnlichen Samenständen eine ganze filigrane Symphonie über dem Schneegrund inszenieren. Als vorige Woche der scharfe Frost einsetzte, einige Tage sogar mit gleißender Wintersonne, musste ich schleunigst die immergünen Mittelmeer-Kräuter, die Thymiane, Rosmarine, Salbei-Varianten, Cistrose, die empfindlicheren Lavendel mit Tannenreisig und Vlies abdecken. Sie würden mir sonst verdorren, wenn in der Sonne die Blätter zu "arbeiten" anfangen und keine Flüssigkeit aus dem gefrorenen Boden holen können. Das faszinierende Bild, dass Salbei oder Thymiane im Raureif bieten, ist mit dem strengen Wintereinbruch ohnehin vorbei – aber ich weiß, dass ich bei den Zwergsträuchern unterm Vlies frisches Gewürz für den Weihnachtsbraten, das Kartoffelgratin mit Thymian und die Salbeibutter holen kann.

Dass es aber jetzt, mitten im Bilderbuchwinter, im Kräutergarten sogar blüht, wird mir kaum einer glauben. Man muss es sehen: Am Strauchgeißblatt Lonicera purpusii, einem mannshohen, halb immergrünen Busch, harren die weißen Lippenblüten auch unter den Schneetupfern aus. Die ersten haben sich schon im November geöffnet. Sie werden bis in den März, vielleicht sogar Anfang April hinein zu sehen – und zu riechen sein: Sobald es ein paar Grad über Null hat, weht ein Veilchenduft herüber! Sage einer, der Kräutergarten habe im Winter nichts zu bieten.


Text und Fotos: Ludwig Fischer