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Wintergrün

In diesen grauen, nassen Dezembertagen mag man kaum hinausgehen – trübe ist es, manchmal scheint die Dämmerung den ganzen Tag über anzuhalten. Im Schaugarten überall die verdorrten, reglosen Stängel, die leeren Blütenstände und Samenkapseln – aber einige halten sich immer noch dekorativ, wie die eleganten, stacheligen ‚Fäustchen’ der Karde (Dipsacus sativus). Sie bleiben nicht nur als aparten, winterlichen Gartenschmuck stehen, sondern die Pflanzen sollen sich möglichst zahlreich aussäen. Die Karde ist zweijährig – die in diesem Sommer eingewurzelten Blattrosetten überdauern als grüne ‚Fingerteller’ den Winter, aus ihnen werden im nächsten Jahr die hohen Stängel wachsen, an denen sich in den Blattachseln das Wasser sammelt.

Ich habe die Kamera mitgenommen, und weil ich bei diesem Wetter gar nicht ohne den Blitz fotografieren kann, mache ich aus der Not eine Tugend: Gartenstudien am späten Nachmittag, die wie Nachtaufnahmen erscheinen!

Und auf einmal bekommen die im Schummerlicht nicht sonderlich auffälligen Objekte eine verblüffende Ästhetik. Die federigen Samendolden des Wasserdosts (Eupatorium cannabinum) wirken vor der dunklen Wasserfläche wie filigrane, schwebende Arrangements. Und die verbogenen Samenstände der Juli-Silberkerze (Cimicifugia racemosa) werden, vom grellen Kameralicht angleuchtet, zu bizarren Kunstwerken.

Aber auch am Boden zaubert der Apparat verblüffende Effekte: Eine ganze Reihe von Pflanzen, die eigentlich nicht als ‚wintergrün’ gelten, überdauern dennoch mit haarigen, bei einigen Arten regelrecht filzigen Blättern. So zum Beispiel die grundständigen Blattrosetten des wilden Fingerhuts (Digitalis purpurea) und der silbrigen Kandelaber-Königskerze (Verbascum olympicum) – der Nieselregen fängt sich auf ihnen und bildet viele Tropfen, die im Blitzlicht zu kleinen Edelsteinen werden. Auch diese Kräuter sind zweijährig. Beide säen sich so stark aus, dass man die hohen Stängel mit dem verdorrten Blütenschmuck rechtzeitig abschneiden muss.

Ich wandere herum und ‚blitze an’, was sich mir mit lebendigem Grün anbietet. Die Temperaturen sind so milde (heute 11 Grad), dass die unverwüstlichen Ringelblumen (Calendula officinalis) sogar noch zu blühen versuchen – ein bisschen bemüht, aber immerhin ein unvermutetes gelbes Leuchten. Und der Meisterwurz (Peucedanum ostruthium), der im Sommer große, weiße Dolden tragen wird, treibt sogar frisch aus, zwar mit kleinen, fast gelben Blättern, aber erstaunlich, so kurz vor Weihnachten. Ja, und natürlich öffnet bei dieser Witterung der zuverlässigste, faszinierendste Winterblüher schon die ersten Blüten: das Strauch-Geißblatt (Lonicera purpusii). Wenn wir keinen Frost bekommen, werden zu Silvester die Büsche in vollem Blütenflor stehen – und nach Vanille duften!


Text und Fotos: Ludwig Fischer