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Wildpflanzen

Von Spaziergängen bringt man immer etwas mit: Ein schönes Erlebnis, ein paar Bilder oder auch Samen, manchmal sogar Pflanzen. Dass man sich damit manches “Teufelszeug” in den Garten holt, das stellt sich meist erst nach Monaten oder Jahren heraus. In meinem eresinger Garten wachsen einige Mitbringsel aus dem Gebiet nördlich des Gardasees. Leider ist auch das Seifenkraut darunter, Saponaria officinalis, das apart ausschaut und angenehm duftet. Während sich aber die meisten Gartenpflanzen entweder vegetativ oder durch Samen vermehren, wendet das Seifenkraut gleich beide Methoden an, man wird seiner kaum mehr Herr.

Ein zweites Mitbringsel war Samen von der Spornblume, Centranthus ruber. Dieses Baldriangewächs – in Oberitalien taucht es sommers die grauen Kalkfelsen in schönes Rosa – vermehrt sich ausschließlich durch Samen, das aber reichlich. Ist man endlich zu dieser Erkenntnis gekommen, lässt man sie Samen nicht ausreifen, schneidet beizeiten zurück, was auch den Vorteil einer wiederholten Blüte hat. Auf Centranthus möchte ich auf keinen Fall verzichten! Wo es nicht hingehört, kann man ihn gut jäten. Beim Ausreißen riecht es auf einmal stark nach Baldrian.

Eine wirklich schlimme Pflanze, deren Herkunft ich nicht mehr rekonstruieren kann, ist der Schwarze Schwalbenwurz, der nicht zu Unrecht bei den Alten auch Hundswürger hieß. Der botanische Name Vincetoxicum nigrum klingt dagegen positiv, “vincetoxicum” bedeutet “besiege das Gift”. Die Pflanze wurde wohl einst als Gegengift (wo gegen?) verwendet. Hat der Schwarze Schwalbenwurz einmal fußgefasst, wird man ihn nur mit größtem Aufwand wieder los. Es handelt sich um eine Schlingpflanze mit ovalen, zugespitzten glänzend grünen Blättern. Die kleinen violett-schwarzen Blüten erinnern an die Blüten der Porzellanblume, Hoya carnosa, mit der die Gattung Vincetoxicum auch nahe verwandt ist. Große Schoten entlassen nach der Reife eine Fülle von Fallschirmsamen. Dann nimmt das Unheil seinen Lauf! Erntet man beizeiten die Schoten, so nützt dies wenig, denn auch unterirdisch treibt der Hundswürger sein Unwesen. Bei mir hat diese Pflanze den Standort einer alten Centifolia- rose erobert, klettert in die Rose hoch, zieht ihre Zweige nach unten und wird uns dazu zwingen, diesen Gartenbereich neu zu gestalten.

Und noch eine Pflanze, auf die ich nicht gut zu sprechen bin: auf Carex acutiformis. Diese heimische Sumpfsegge bestach mich einst durch ihre schönen auf einer Pflanze getrennten männlichen und weiblichen Ähren (wie beim Mais) und ihre insgesamt edle Gestalt. Am Gartenteich ausgesetzt eroberte diese Segge bald das Umfeld, unterwanderte Mauern und geflieste Partien, kurz, sie wurde zu einem Lästling erster Güte. Auch bei Carex acutiformis hilft nur die totale Neuanlage. Vorsicht: ein übersehenes Wurzelstück und der “Spaß” beginnt von vorn.

Harmlos nimmt sich dagegen das Zimbelkraut aus. Es gehört an alte Mauern. Und da fand ich es auch und nahm einen Trieb mit nach Haus. Cymbalaria muralis, ursprünglich aus dem mediterranen Raum, gehört zur Familie der Braunwurzgewächse. Ihre Blüten erinnern an die des Löwenmaul. An hauchdünnen Trieben hängen mehrfach gelappte herzförmige Blätter. Alles in allem ein sehr apartes Pflänzchen, wenn es sich nur daran hielte, auf den ihm zugewiesenen Standorten zu bleiben. Es samt sich reichlich aus und taucht überall im Garten auf. Aber man kann es leicht ausrupfen!

Die Liste an unliebsamen Gästen ließe sich weiter fortsetzen. Als Lehrbeispiele mögen die wenigen reichen. Wildpflanzen aus der Natur müssen mit viel Bedacht verwendet werden. Gelangen sie in den meist recht fruchtbaren Gartenboden, zeigen sie oft hemmungslose Eigenschaften. Im Zweifelsfalle sollte man sie ein Jahr in Quarantäne stecken, im Topf kultivieren, um ihre Vermehrungstechniken zu studieren. Das Ernten der Samenstände vor der Reife verhindert das Schlimmste.
Manche der hier aufgeführten Pflanzen erhält man auch in der Staudengärtnerei. In den Katalogen von Dieter Gaissmayer und im Online-Shop wird auf die “Gefahren” aufmerksam gemacht und beim Verkauf mündlich darauf hingewiesen.


Text und Fotos: Christian Seiffert