header

Wie wär’s mit Giersch?

Wie bitte, diesen üblen Gärtnerschreck will sie uns heute andrehen?? Genau, diesmal geht es um einen, den wirklich niemand haben will – was ihn aber keineswegs daran hindert, sich früher oder später selbst einzuladen. Schon ein winziger Wurzelpartisan kann genügen, vielleicht verborgen in einem wohlmeinend überreichten Pflänzchen, und auf geht’s zu neuen Eroberungen. Ehe man sich recht versieht, wird in atemberaubender Geschwindigkeit eine unterirdische Wurzelarmee formiert. Zurückhaltung oder gar Interesse an friedlicher Koexistenz im Beet sind ihm dabei völlig fremd. Mit beneidenswerter Dynamik, unerschütterlicher Gesundheit und fast vollständiger Resistenz gegen alles, was wir an noch so martialischen gärtnerischen Kampfmaßnahmen ergreifen mögen, geht er seinen Weg. Schwere, feuchte Böden? Herrlich, nichts lieber als das. Heidesand und Trockenheit? Na gut, dann bleibt man eben ein wenig kleiner, auch so lebt es sich ganz nett. Saure Böden, alkalisches Milieu, Schatten oder Sonne – nichts kann ihn bremsen. Aegopodium podagraria, besser bekannt als Giersch, macht es uns Gartenleuten wirklich nicht leicht mit seiner egozentrischen Lebensfreude.

Ihn beherrschen, gar besiegen zu wollen, ist zwar verständlich, aber meist aussichtslos. Wer weise erkennt, dass diese unfreiwillige Beziehung bestenfalls auf ein Gleichgewicht der Kräfte hinausläuft, lebt deutlich entspannter.
Ein guter Helfer auf diesem Weg ist meine schlanke zweizinkige Rosengabel. Mit ihr lässt sich das Erdreich ohne großen Kraftaufwand wunderbar lockern und dem Feind – eine milde und meditative Grundstimmung sei dafür allerdings empfohlen – recht erfolgreich zu Leibe rücken. Hat man möglichst viele Wurzeln sanft und beharrlich aus dem Erdreich gehebelt, ist tatsächlich eine Weile Ruh’. Aber unterschätzen Sie den Burschen nicht – Kontinuität lautet hier das Zauberwort.

Dabei ist Giersch durchaus ein interessanter Gegner, denn er hat auch gute Seiten: Dass man aus den Blättern leckere Salate und Gemüse zubereiten kann, hat sich inzwischen vielerorts herumgesprochen. Weit weniger bekannt sind die positiven, sogar heilenden Eigenschaften. Er ist reich an Vitamin C und Karotin und enthält viele gesundheitsfördernde Substanzen. Auch weiß heute kaum jemand mehr, dass Giersch über Jahrtausende als wirksames Mittel gegen Gicht und Rheuma eingesetzt wurde, denn Aegopodium, griechisch für Ziegenfuß, an den seine Blattform erinnert, hat den Beinamen podagraria, also Podagra, die Gicht, heilend.
Seine medizinischen Begabungen ändern indes rein gar nichts daran, dass er uns im Garten wenig willkommen ist. Aber: Der übergriffige Geißfuß hat einen bildhübschen Bruder, der unbedingt geeignet ist, sich mit der Gattung Aegopodium auszusöhnen. Zwar sollte man auch die deutlich zierlichere Form 'Variegata' nicht aus den Augen verlieren, aber sie wächst moderater und ist durch ihr attraktives weißbuntes Laub wunderbar geeignet, dunkle Areale im Garten zu beleben. Die Blüten müssen allerdings vor der Samenreife entfernt werden, da Keimlinge in die ungeliebte grüne Form zurückschlagen.

Auch wähle man nur starkwüchsige Nachbarn, denn einmal etabliert, wird auch ’Variegata’ ganz ordentlich losmarschieren. Aber mit durchsetzungsstarken Partnern wie Farnen oder der attraktiven, cremefarben gerandeten, wintergrünen Segge Carex morrowii ’Icedance’, kann man sehr reizvolle, pflegearme Partien schaffen. Bei uns im Forsthausgarten haben wir den ebenfalls weiß panaschierten Hartriegel Cornus alba sibirica mit weißbuntem Giersch unterpflanzt. Die beiden vertragen sich prächtig – und sorgen wegen der täuschenden Ähnlichkeit ihres Laubs für einen verblüffenden Effekt!
Wenn Sie Ihr gärtnerisches Misstrauen nicht recht besiegen können, gehen Sie’s halt behutsam an, denn Aegopodium podagraria ’Variegata’ macht sich auch in Pflanzgefäßen äußerst dekorativ.

Für heute macht die Gärtnerin Feierabend – Bis zum nächsten Mal…


Text und Fotos: Angelika Traub