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Wenn die Bienen aufwachen

Was macht der Garten im Winter? Schlafen, sollte man meinen. In unserer Schrebergartenanlage jedenfalls rührt sich nicht viel. Bei dem ein oder anderen stecken noch Pastinaken im Boden, grünt Grünkohl vor sich hin und hier und da schillert noch Mangold. Schrebergärtner sind, was die Gartenaktivitäten angeht, so wie die Honigbienen, die unsere Imkerin in mittlerweile drei Körben vorm Vereinshaus einquartiert hat: Sie halten nicht viel von der blütenarmen Jahreszeit und verziehen sich in die eigenen vier Wände.
Die Imkerin, die netterweise Imke heißt, kam im vergangenen März zu mir. Die Temperaturen waren über zehn Grad gestiegen und ihre Schützlinge zum Reinigungsflug ausgeschwärmt. Bienen sind reinliche Tiere und verrichten ihr Geschäft nur außerhalb des Stockes. Im März wird es dann höchste Zeit. Verständlicherweise sind alle Insekten nach dieser langen Durststrecke für jedes blühende Gewächs dankbar, das sie anzapfen können.

Imke kam also zu mir und klagte, dass Gartenfreund Manfred wieder mal seinen Haselnussstrauch zurückgeschnitten hat, kurz vor dem Reinigungsflug. Manfreds Parzelle grenzt an den Vereinshaus-Rasen und er ist einer der wenigen, der die Haselnuss als Nutzpflanze ansieht, obwohl er noch nie eine Nuss geerntet hat. Er nutzt die Stämme und Zweige als Pflanzenstützen. Alle paar Jahre setzt Manfred seine Bügelsäge an den Strauch, und die Bienen gucken in die Röhre. Imkes hängende Mundwinkel waren verständlich. Nicht zuletzt, um Imke bei der Stange zu halten, knöpfte ich mir Manfred also bei nächstbester Gelegenheit vor.

Ein paar Tage darauf traf ich ihn beim „Saubermachen“, wie er die Jagd nach ersten Unkräutern nannte. Auf meine Botschaft hatte er eine erstaunliche Antwort parat. Er nahm im vergangenen Jahr an einer Garten-Gruppenreise ins Hannoversche teil. Dabei sei er auch in einer Gärtnerei gewesen, die sich auf die Kultur von Bienennährpflanzen spezialisiert hat. Die Gärtnerei und der Schaugarten sei das reinste Chaos gewesen, aber der Gärtner höchst originell und in Bienenfragen unschlagbar. Interessant sei an dem Rundgang gewesen, wie der Gärtner in brauchbare und unbrauchbare Pflanzen unterschieden hätte. Da hätte die Reisegruppe gestaunt, auch wie der Gärtner jegliches kritische Grummeln mit einer Predigt über den Wert der Bienen und der Imkerei im Keim zu ersticken versuchte hatte. Hainbuchen, Birken, Erlen, ja sogar Eichen seien für Honigbienen jedenfalls vollkommen unbrauchbar, „alles nutzlose Windblütler“. Und Coryllus avellana gehöre auch dazu. Sowas müsse die Imke doch wissen. Um sein "sägenhaftes" Haselnussmassaker zu legitimieren, ging Manfred daraufhin in seine Laube und zog eine „Schwarze Liste der Nicht-Bienenpflanzen“ aus seinen Unterlagen. In einem Begleittext empfiehlt er, getreu dem Motto „Was die Biene nicht mag, kommt nicht in den Park“, alle Nicht-Bienenpflanzen aus den Katalogen herauszustreichen. „Noch Fragen?“, schaute mich Manfred mit tänzelnder Überlegenheit an. Ich stammelte vor mich hin, dass ich mal gelesen hätte, dass über 500 Lebewesen allein auf oder von der Stieleiche leben würden und dass das einsamer Rekord sei. Das interessiere ihn aber nicht, ihm ginge es um die Bienen. Aus der Gärtnerei habe er sich deshalb eine Weigelie mitgenommen. Die steht jetzt dort, wo vorher eine Forsythie war. Forsythien stehen nicht auf der Schwarzen Liste. So gesehen hat diese Liste auch was Gutes.

Aber bevor Sie aus lauter Mitleid mit den armen Honigbienen jetzt Hainbuchen, Birken, Erlen und Eichen durch Spitzahorn, Gleditsien oder Stinkeschen (Tetradium hupehensis) ersetzen, greifen Sie noch zu Alternativliteratur. Auch wenn man bisweilen einen anderen Eindruck bekommt – es gibt noch andere Indikatoren für den Untergang der Welt als die Honigbiene. Manfred hat sich jedenfalls noch eine Stinkesche mitgebracht. Die werde auch Bienenbaum genannt, aber er wisse noch nicht, wo er die hinsetzen soll. "Nirgendwo“, habe ich ihm geantwortet. „Parkbäume sind in Schrebergärten verboten.“ Da habe ich dann getänzelt.


Text und Fotos: Stefan Leppert