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Weißlaubiges Kaukasusvergissmeinnicht

Mein romantisch veranlagtes Herz jubelte, als ich eines schönen Tages heraus fand, dass es nicht nur Vergissmeinnichtblüten auf zweijährigen Pflanzen gibt, sondern auch auf dauerhaften Stauden. Die einander relativ ähnlichen Gattungen Omphalodes und Brunnera sind solche liebenswerten Zauberkünstler, die im Halbschatten das blaue Band des Frühlings wehen lassen. Ich weiß nicht, warum, aber irgendwie schoss ich mich auf das Brunnera ein.
Jedes Jahr aufs Neue fasziniert mich der Austrieb des Kaukasusvergissmeinnichts. Die Blätter sind anfänglich noch sehr klein und die porzellanblauen Blütchen stehen sehr wirkungsvoll über dem jungen Laub. Die Blütezeit zieht sich über einige Wochen hin. In dieser Zeit wächst das Laub heran und die feinen, zunächst eher kompakten Blütenstände werden immer lockerer. Das Bild wandelt sich in unmerklichen Schritten und eines Tages stellt man fest, dass die allerletzten Blüten unter den spatelförmigen Blättern verschwunden sind. Die Pflanze hat ihre anfänglichen Ausmaße mit Leichtigkeit verdreifacht bis vervierfacht. Da das Laub eine sehr raue Oberfläche hat, wird es glücklicherweise von Schnecken ignoriert.
Schon die Ausgangsart ist also ein nettes Blümeken für liebliche Frühlingszenarien. Hin und wieder weisen sie locker verstreute silbrige Flecken auf. Bei der Sorte 'Langtrees' sind sie besonders ausgeprägt. Dann gibt es noch die weiß blühende Sorte 'Betty Bowring', deren Blüten noch länger erscheinen und noch die hübsche 'Hadspen Cream' deren Laub einen ausgeprägten cremefarbenen Rand haben. So weit, so gut, dachte ich und wähnte das Thema Brunnera auf eine freundlich-unspektakuläre Weise abgeschlossen.

Doch dann trat 'Jack Frost' ® in mein Gärtnerleben … und alles wurde anders. Ich konnte zuerst kaum glauben, dass der sehr hohe Weißanteil der Blätter sich im Laufe des ganzen Sommers wirklich halten würde. Schließlich sind lediglich die Blattnerven grün – sämtliche Zwischenräume dagegen völlig weiß. Die Blätter erinnern mich an die kostbarsten Caladium-Pflanzen (eine heikle, hübsche, tropische Zimmerpflanze, die ich nie länger als etwa sechs Wochen halten konnte) und ich verdächtigte 'Jack Frost' ®, eine kapriziöse Diva zu sein. Weit gefehlt! Selten erwies sich ein glamouröser Garten-Neuzugang als so wuchsfreudig, teamfähig und unprätenziös. Mit allen weiß und blau blühenden Frühlingsstauden (Viola-Cultivar 'Dolphin', Dicentra spectabilis 'Alba', blaue Hyazinthen oder weiße Engelstränennarzissen etwa sind ideale Partner) verträgt sich diese Züchtung hervorragend. Aber auch im Sommer bilden die fast durchscheinend wirkenden Blätter perfekte Ergänzungen zu vielen Pflanzen, die einen gleichen Standort im Halbschatten mögen. Eines der schönsten Gartenpaare ist die weiß blühende Herbstanemone Anemone japonica 'Honorine Jobert' mit 'Jack Frost' ®.

Einmal habe ich mich dazu verleiten lassen, dieses Kaukasusvergissmeinnicht an einen sonnigen Platz zu setzen. Der Gedanke war, dass die geringe Menge sichtbaren Chlorophylls an sonnigen Standorten weit mehr Photosynthese betreiben kann, als im Halbschatten (außerdem wollte ich sie mit weißen Rosen vergesellschaften). Leider erwies ich meiner neuen Staudenliebe einen Bärendienst damit. Die Blätter vergilbten sehr unansehnlich und die Pflanzen drohten zu verdorren. Ein Umsetzen in Gefilde, die Schutz vor sengender Mittagssonne bieten, rettete sie vor dem Schlimmsten. Ich entschuldigte mich bei 'Jack Frost' ® und dankte ihm für die Lehre, dass man immer, aber auch immer die Bedürfnisse der Pflanze in den Blick nehmen muss, wenn man mit ihr ein unbelastetes dauerhaftes Verhältnis anstrebt.

Beziehungen zu Pflanzen unterscheiden sich eben in keiner Weise von Beziehungen zu Menschen.


Text und Fotos: Andreas Barlage