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Was haben Fledermäuse mit Phlox zu tun?

Direkt natürlich kaum etwas. Es sei denn Fledermäuse kreisen des Nachts über blühendem Phlox, um Nachtfalter zu erbeuten. Aber im Tiefflug habe ich noch keine Fledermäuse erlebt.

Der Zusammenhang ist anderer Natur. Phlox gehört zu den Sperrkrautgewächsen, den Polemoniaceae. Namensgeber dieser Familie ist die Himmels- oder Jakobsleiter, Polemonium caeruleum, d.h. eigentlich die Gattung Polemonium. Ein Name, der sich von zwei Königen der Antike namens Polemon ableiten soll, die sich die Erkenntnis der Heilkraft dieser Pflanzen streitig machten. Und wirklich wurde diese Pflanze einst bei Kopfschmerzen, Fieber und Epilepsie benutzt.

Dass Phlox und die Jakobsleiter nahe verwandt sind, zu einer Familie gehören, kann man bei flüchtigem Betrachten verstehen. Genaueres müssten dazu die Morphologen sagen, oder die Mikrobiologen, die heute die Verwandtschaft anhand der DNA analysieren und manchmal mit ihren Erkenntnissen großes Erstaunen oder Irritationen auslösen.

Nun komme ich aber auf eine Pflanze zu sprechen, der man diese verwandtschaftliche Nähe nicht sogleich ansieht. Ich meine die Glockenrebe, Cobaea scandens. Im letzten Frühjahr säte ich ein paar Körner aus und erlebte dann im Laufe eines halben Jahres ein Wachstum, eine Kletterlust, wie man sie nur sehr selten beobachten kann. Sie steht allerdings im frostfreien Wintergarten. Im „Zander“ wird sie als Strauch klassifiziert, könnte aber auch als Staude gelten, denn noch konnte ich eine Verholzung im unteren Bereich nicht feststellen. Die zwei Pflanzen haben inzwischen eine Höhe von 5 m und eine Breite von 4 m erreicht. Bevor sie mit ihrem Gewicht das Spalier aus seinen Verankerungen reißen, wird ein erheblicher Rückschnitt auszuführen sein. Noch aber jetzt, Ende Januar, blühen sie so üppig, wie im ganzen letzten Jahr nicht. Der Grund: als Bewohnerin mexikanischer Gebirgswälder ist die Cobaea scandens eine Kurztagspflanze. Temperatur von z.Zt. zwischen 5 und 10° C. verträgt sie ohne Probleme. Wenn man sie einjährig als Sommerblume an Klettergerüsten wachsen und blühen lässt, erfriert sie, bevor die Hauptblüte eingesetzt hat. Die Cobaea klettert mit Ranken, die sich am Ende ihrer Fiederblätter bilden. Hat sie einiges an Höhe erreicht, lässt sie Triebe nach unten wachsen und hängen, an denen die Blüten entstehen. Diese sind anfangs hellgrün, verfärben sich nach einigen Tagen ins Violette. Mächtig ist die Nektarproduktion. Unten am Boden klebt alles zuckersüß.

Und nun komme ich zurück zum Titel dieser Geschichte. Die Cobaea wird von Fledermäusen bestäubt! Während die sich aus der Luft Eiweißnahrung, sprich Insekten holen, stiftet ihnen die Cobaea Kohlehydrate, Kraft zum Fliegen.

Fast alle Arten der Polemoniaceen sind auf den amerikanischen Kontinenten zu Haus. Die einzige Ausnahme ist die Jakobsleiter, Polemononium caeruleum, die in der gemäßigten Zone Eurasiens beheimatet ist, auch in Deutschland und in der Schweiz.

Die amerikanischen Arten der Polemoniaceen aber fallen durch eine Merkwürdigkeit auf: Diese Familie hat sich mit allem nur denkbaren Getier eingelassen, um ihre Bestäubung zu garantieren. Da gibt es Bienenblumen, Käferblumen, Arten, die von Nachtfaltern oder Tagfaltern bestäubt werden. Oder aber spezielle Hummelblumen oder Pflanzen, die von Kolibris bestäubt werden. Und schließlich die Cobaea scandens, die es mit einer Fledermausart treibt, mit Leptonycteris nivalis.


Text und Fotos: Christian Seiffert