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Wandergesellen in Eresing (Sonne)

An einer steinigen und sonnigen Ecke zu Füßen einer Felsenbirne erfreut sich die Zypressen-Wolfsmilch ihres Daseins. Ihr gefürchteter Ausbreitungsdrang wird durch einen vorbeiführenden Weg und durch die Schwere des Bodens etwas gebremst. Aber nur etwas! Einen Meter südlich beginnt unser Gemüsebereich. Ich war nicht wenig erstaunt, dort eines Tages auf Triebe der Wolfsmilch zu stoßen. Trotz dieses "Fehlers" sind wir der Zypressen-Wolfsmilch mit Liebe verbunden. Ihr Austrieb im Erstfrühling, ihre Blüte und auch der abgeblühte Zustand sind schön anzuschauen. In Eresing haben wir Tulipa tarda dazugesellt: ein apartes Blütenserlebnis, gelb in gelb. In Jamlitz blühen neben und miteinander Euphorbia cyparissias und Tulipa sylvestris!

Die pfirsichblättrige Glockenblume kann man hier in der Gegend an ihrem Wildstandort finden: an einem nach Süden geneigten Bahndamm. Unsere Campanula persicifolia haben wir vor langer Zeit aus irgend einem Garten geschenkt bekommen. Merkwürdig war, wie sich die Sämlinge farblich aufspalteten. Viele Pflanzen waren weiß, in manchen Jahren fast nur noch weiß. Dann wieder kam eine blaue Periode. Um Nachwuchs jedenfalls brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, die Vermehrung erfolgt sowohl vegetativ wie durch Samen. In den Wildstaudenbereichen, Gehölzrand und "Wiese" ist diese Glockenblume immer willkommen. Erstaunlich, wie üppig sich Campanula persicifolia auch in Jamlitz vermehrt. Dort steht sie im Halbschatten und wächst gern in etwas brüchigen Klinkermauern!

Für mich nicht eindeutig zu bestimmen ist unser Acanthus. Handelt es sich um Acanthus hungaricus oder um Acanthus mollis oder um eine Subspecies einer der beider Arten? Wir bekamen ihn aus einem Garten in der Holledau geschenkt, wie üblich ohne botanische Bezeichnung. Die gezähnten Blätter sind weich, unbehaart, langgestielt. Eine sehr dekorative Staude, die auch gern im Halbschatten wächst. Dieser Acanthus bildet bohnengroße Samen, die ganz offensichtlich von Tieren verschleppt werden, denn inzwischen wächst dieser Acanthus an vielen Stellen im Garten.

Eine nützliche und durchaus dekorative Steppenpflanze ist Origanum vulgare. Da seine Samen via Kompost auf die Gemüsebeete gelangen, ist an Nachwuchs kein Mangel. Aber auch sonst taucht Origanum überall auf: im Senkgarten, an den Gehölzrändern.
Leider vermisse ich diese Vermehrungsfreudigkeit bei den vielen anderen Arten und Sorten. Vielleicht fehlt ihnen bei uns ausreichend Wärme. So muss ich mich mit vegetativen Vermehrungsmethoden begnügen.

Die Sorge braucht man sich beim Zimbelkraut nicht zu machen. Ein kleines Stückchen von einer landberger Mauer "gestohlen", hat ausgereicht, unseren Garten reichlichst zu versorgen. Es taucht überall auf, im Schatten, im Halbschatten, in der vollen Sonne und im Wintergarten, ja in Blumentöpfen. Dort wetteifert es mit dem italienischen Sauerklee Oxalis corniculata, eine echte Topfpflanzenpest! Das Cimbelkraut Cymbalaria muralis ist eine grazile Kriech- und Kletterpflanze, schön anzuschauen. Was aber seine Lästigkeit anbelangt, so kann es sich mit dem verwandten Leinkraut Linaria purpurea durchaus messen. Das Purpurleinkraut, eine sehr dekorative Staude für die volle Sonne entwickelt ihre ganze Schönheit in Gemeinschaft mit weiß und rosa blühenden Sorten und gern an Hausmauern, in Ritzen zwischen Wand und Klinkerweg. Wer der gigantischen Samenbildung ein Ende machen will, der muss beizeiten schneiden, eher zu früh, als zu spät!

Zuletzt die wundervolle Spornblume, die mit dem Baldrian verwandte Centranthus ruber. Der Baldrian aber liebt den feuchten Standort, die Spornblume den trockenen, kalkigen, steinigen Boden. Im eresinger Garten, aber auch in Jamlitz handelt es sich um die Wildart, von Samen, der nördlich des Gardasees gesammelt wurde. Die Wildart wirkt etwas flatterhafter, lockerer und größer, als die weißen und karminroten Auslesen, ist aber dennoch sehr dekorativ. Ein Rückschnitt bald nach der Blüte verhindert den reichlichen Samenflug mit kleinen Fallschirmen und er sorgt für eine weitere Blüte bis in den Herbst.

Wandergesellen sorgen für Überraschungen, für Leben im Garten. Sie schließen Lücken in Wildstaudenbereichen, tauchen aber auch dort auf, wo sie nicht hingehören, verursachen damit etwas Arbeit. Die kann sich noch steigern, wenn zwei und einjährige kurzlebige Pflanzen mit von der Partie sind, wie Nachtkerzen, Königskerzen, Calendula und Cosmeen. Aber ein Sommer ist eben nur eine halbe Sache ohne diese Chaoten des Gartens!


Text und Fotos: Christian Seiffert