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Vor diesem Admiral stehe ich stramm

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich habe vor fast 50 Jahren den Kriegsdienst verweigert und war nicht bei der Bundeswehr. Bis heute habe ich mit dem Militär und seinen Diensträngen rein gar nichts im Sinn. Doch einem Admiral gilt meine Hochachtung:
Der hat so gar nichts von einem Kommisskopf mit stampfenden Stiefeln, schnarrender und bellender Stimme. Im Gegenteil: er verhält sich völlig lautlos, bewegt sich aber umso leichter und anmutiger. Seine Uniform ist um vieles prächtiger, leichter und zugleich eleganter als die eines hohen Barrastiers. Und er kann fliegen, ganz ohne Eurofighter.

Mein Admiral trägt einen samtigen braunschwarzen Mantel mit weißen und roten Tressen, und er ist absolut friedlich. Statt dem Kasernenhof, der Kommandozentrale oder dem Schlachtfeld sind meine Gärten sein Aktionsfeld. Als Lieblingsmahlzeiten bevorzugt er süße Säfte, die aus den Obstbäumen oder faulendem Fallobst austreten. Doch die Blüten sind sein Offizierskasino. Statt am Whiskey zu nippen, labt er sich am Nektar, lässt sich von Bienen mit gleichem Interesse nicht verdrängen, teilt stattdessen großzügig mit ihnen das reiche Angebot, und wenn auf der einen Blüte nichts mehr zu holen ist, flattert er ganz leicht zur nächsten.

Für mich ist der Admiral einer der schönsten  und mit einer Spannweite seiner Flügel von 52 bis 64 Millimeter einer der eindrucksvollsten Schmetterlinge in unseren Breiten. Voller Stolz kann ich sagen, dass er in meinen beiden Gärten ein Dauergast ist, neben vielen anderen Schmetterlingen. 14 Arten habe ich im Laufe der Jahre gezählt. Neben dem Admiral sind das unter anderen der unvermeidliche Kohlweißling, der Zitronenfalter, das Tagpfauenauge. Die könnte man zu den Allerweltsschmetterlingen zählen, denn wo gibt es sie nicht? Doch dann entdeckte ich plötzlich den kleinen aber prächtig bunten Kleinen Fuchs, das Landkärtchen, den Hauhechelbläuling. An den Spornblumen labte sich in manchen Sommern das Taubenschwänzchen mit seinem langen Rüssel.

Eine besondere Überraschung erlebte ich vor ein paar Jahren mit einigen Besuchern. Ich stand mit ihnen vor meinem Möhrenbeet und erklärte ihnen gerade, dass der Schwalbenschwanz das Möhrenkraut zur Eiablage bevorzuge, als genau in diesem Augenblick ein Schwalbenschwanz angeflattert kam und sich auf den Möhren niederließ. Später fand ich seine Raupen an dem Möhrenkraut und verzichtete auf die Ernte dieser Möhren. Doch dennoch habe ich später leider nie wieder einen Schwalbenschwanz in meinem Garten gesehen. Statt ihm entdeckte ich aber etwas anderes, einen winzigen Falter, eigentlich eine Motte, mit federartigen Flügeln. Ich hätte ihn nicht identifizieren können, wenn ich darüber nicht einen Essay von Jürgen Dahl gelesen hätte: „Verteidigung des Federgeistchens“. Dahls Beschreibung dieses zarten, geisterhaften Wesens war mir im Gedächtnis geblieben, so dass ich es beim Unkrautjäten zwischen den Stauden sofort erkannte. Dort flatterte ganz leicht, wie ein kleines Gespenst, ein leibhaftiges Federgeistchen.

Wie habe ich das bloß geschafft, all diese Schmetterlinge in meinen Garten zu locken? – Ich weiß es nicht. Sie lieben die sommerlichen und herbstlichen Blüten, dem Admiral, Tagpfauenauge, Distel- und C-Falter haben es im Spätsommer die Herbstastern und die Blüten der Poleiminzen angetan. Sonst flattern die Falter überall herum. Der Admiral vor wenigen Tagen in seine Winterresidenz südlich der Alpen abgereist. Manche andere Falter tun ’s ihm gleich und wieder andere finden im Altholz, in Mauerritzen, der rissigen Borke alter Bäume oder in Gartenschuppen ihr Winterquartier … Was weiß ich, wo sonst noch. Aber ich kann sicher sein, in allem was ich jetzt nicht abschneide oder herausreiße, in jeder Laubstreu, die ich nicht wegharke oder gar aus dem Garten schaffe, könnte der eine oder andere den Winter überdauern, egal ob als Raupe, als Puppe oder ausgewachsener Schmetterling, so wie der Zitronenfalter. Der ist im nächsten Frühjahr als erster wieder da. Und auf den Admiral kann ich mich auch verlassen. Der kommt im nächsten Sommer wieder – bestimmt!

Mehr über den Kreativgarten von Wolfram Franke unter www.gartenschreiber.de


Text und Fotos: Wolfram Franke