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Von Storch- und anderen Schnäbeln…

Heute wird ein wenig geschnäbelt. Schließlich ist Sommer, da tut das alle Welt – natürlich auch unsere Hausrotschwänzchen, die uns schon lange die Treue halten und es nach ihrer Rückkehr aus südlichen Gefilden mal wieder raffiniert hinbekommen haben, parallel zu ihrem Hochzeitswerben in atemberaubender Geschwindigkeit ein irgendwie wüstes, aber genial konstruiertes Nest über der Deckenlampe des Gartenschuppens hinzuzaubern. Das würde unliebsam „heiße“ Folgen haben, wenn, ja wenn wir darauf bestünden, diese Lichtquelle zu nutzen. Was selbstredend nicht geschieht. Woher wissen diese Schlingel das nur? Vier Jahre geht das nämlich schon so. Wie können sie jedes Mal so keck davon ausgehen, dass die Schuppentür Tag und Nacht offen bleibt, und die Gärtnersleut’ sich bestenfalls behutsam mit Taschenlampen nähern, wenn in ihrer Kinderstube herumgefuhrwerkt werden muss? Tatsache ist, sie haben ihre Menschen gut erzogen, das Arrangement klappt tadellos. Soweit Familie Rotschwanz.

Aber die „Schnäbler“, auf die ich heute Ihren Gärtnerblick lenken will, sind natürlich pflanzlicher Natur und tragen ihren deutschen Namen „Storchschnäbel“ wegen des einem Storchenschnabel ähnlichen Fruchtstandes. Sicher haben Sie es längst erraten, die Rede ist natürlich von der Gattung Geranium, die nachweislich schon im16. Jahrhundert in unsere Gärten Einzug gehalten hat. Mehr als 400 Arten sind bekannt. Auf allen Kontinenten finden wir sie auch am Naturstandort, sogar in der Arktis und Antarktis. Auf mehr trockene Fakten wollen wir nun aber verzichten, um sofort zu den Lobreden überzugehen. Storchschnäbel sind nämlich einfach wunderbar!
Altmeister Karl Foerster wird oft zitiert mit seinem Satz „ein Garten ohne Phlox ist ein Irrtum“. Ob er das heute noch unterscheiben würde? Die Zeiten ändern sich, gerade unsere hohen Sommerphloxe leiden unter dem sich wandelnden Klima. Phloxe lieben Verlässlichkeit, starke Schwankungen, wie wir sie immer häufiger erleben, sind für sie schwer zu verkraften. Das wird jedoch ein andermal Thema sein, zusammen mit gärtnerischen Ratschlägen, wie wir dieser Entwicklung begegnen können.
Ganz sicher aber bin ich, dass Foerster seinen bekannten Satz heute auf die Gattung Geranium anwenden würde. Kein Garten muss und sollte auf diese unendlich vielseitigen Geschöpfe verzichten. Es gibt fast keinen Standort, für den sich nicht eine geeignete Sorte fände. Zierliche, stattliche, laubduftende, Schatten oder Trockenheit ertragende, frühe, späte, sterile, sich üppig aussäende, gesittet wachsende, aber auch Ausbreitungswunder, die sogar Giersch besiegen, indem sie ihn sanft aber unerbittlich überwallen, bietet die schier unerschöpfliche Palette. Schnecken nehmen Reißaus, und sogar Arvicola terrestris, die wohl meistgehasste Feindin unter unseren Beeten (besser bekannt als Wühl- oder Schermaus), buddelt sich frustriert davon.

Flächig gepflanzt, wirken einige Sorten einfach umwerfend. Das altbewährte, bei uns wohl immer noch bekannteste Geranium, trägt zu Recht den klingenden Namen „magnificum“, es blüht zwar nur einmal für 4 Wochen ab Ende Mai, überschüttet uns aber dann mit einem herrlichen, weithin leuchtenden tiefblauen Blütenmeer. Die verbesserte Auslese 'Rosemoor' blüht sogar ein wenig nach und bleibt die ganze Saison über standfest und kompakt, als Zugabe gibt’s eine sensationelle Herbstfärbung. Der neue Star unter den Dauerblühern ist seit ein paar Jahren zweifellos die „blaublütige“ Hybride 'Rozanne', vom Mai bis zum Frost bringt sie ihre Blüten hervor, liebt Sonne und beansprucht bei guter Wasserversorgung gern einen Quadratmeter und mehr. Schade wäre es allerdings, wenn ihr Erfolg so groß würde, dass in immer weniger Gärten all die zahlreichen schönen, vielleicht nicht ganz so laut auftretenden Geschwister einen Platz finden. Denn die Reihe der empfehlenswerten Sorten ist schier endlos. Wie wäre es zum Beispiel mit dem hohen, aber nicht rücksichtslos Raum fordernden Geranium psilostemon? Es bildet einen Meter hohe Horste mit fein geschlitztem Laub, das sich charmant mit seinen Nachbarn verwebt, seine tief magentaroten Blüten mit schwarzem Auge erfreuen über einen langen Zeitraum.

Oder versuchen Sie es doch mal mit dem schon lange kultivierten G. himalayense 'Gravetye'. Es ist enorm anpassungsfähig, hat seinen großen, leuchtend hellblauen Auftritt im Mai, blüht aber die ganze Saison hindurch nach. Es bleibt niedrig, breitet sich jedoch allmählich aus und ist daher auch für flächige Verwendung sehr zu empfehlen. Ich wagte in unserem Garten damit ein Experiment: Ein zwei Meter hoher Erdkegel wurde mit unzähligen Risslingen vorhandener Exemplare bepflanzt. Besonders zur Hauptblüte im Mai/Juni ist so ein weithin leuchtender, atemberaubender Hingucker entstanden. Die Pflanzung entpuppte sich zu allem Überfluss als (seit Jahren) praktisch „wartungsfrei“.
Unkraut hat im dichten Wurzelgeflecht kaum eine Chance, im Frühjahr krabbelt das Geraniumlaub rasch durch das Verwelkte des Vorjahres ans Licht und schafft sich so auch noch den eigenen Humus. 'Gravetye' wurzelt zudem so tief, dass ihm auch die zwangsläufig größere Trockenheit am Gipfel nichts anhaben kann (was zu Beginn meine Sorge war). Wässern musste ich hier auch in den trockensten Sommern noch nie, und zu allem Überfluss scheint der Geschmack der Wurzeln unseren unterirdischen Übeltätern so zuwider zu sein, dass sie den zuvor mit Gras bewachsenen, damals völlig unterwühlten Hügel fluchtartig verließen – ohne Wiederkehr. Fazit: Experiment gelungen und zur Nachahmung empfohlen! Wer mag, kann an dieser Stelle bald so allerhand über „schüchterne Frauenmäntel“ erfahren…

Für heute macht die Gärtnerin Feierabend – bis zum nächsten Mal!


Text und Fotos: Angelika Traub