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Von schüchternen Frauenmänteln

wird heute die Rede sein. Für nicht gärtnernde Menschen ist das vermutlich eine etwas verwirrende Titelwahl, aber bewanderte Grünfinger ahnen doch sicher, wohin wir heute unseren Blick richten? Wie auch immer, die Sache wird aufgeklärt, versprochen.

Wir lieben sie zwar alle, die großen, stattlichen Prachtstauden, die unseren Beeten Ausstrahlung, Charakter und Struktur verleihen, diese stolzen Stars auf der grünen Bühne. Was aber wären sie ohne klug gewähltes, zurückhaltend und gerade deshalb wirkungsvoll unterstützendes „Begleitpersonal“?

Ohne Bewunderer keine Bewunderten, und nicht jeder kann (oder will) im Rampenlicht stehen. Die eher uneitle Gefolgschaft unserer grünen Stars scheint jedenfalls ganz zufrieden mit ihrer Rolle zu sein. Und lebt es sich nicht viel entspannter, wenn man nicht immer alle Blicke auf sich spürt?

Das Angebot an Begleitstauden für die unterschiedlichsten Gartenstile und -bereiche ist riesig. Wir picken uns heute die Alchemilla heraus. Ha, wird da der kundige gärtnernde Mensch sofort anmerken, erwischt! Alchemillen, also Frauenmäntel, die bitte sollen schüchtern sein? Zugegeben, sprächen wir heute ausschließlich von Alchemilla mollis, dem bei uns trotz einiger interessanter Alternativen am meisten verwendeten Frauenmantel, wäre dieser Einspruch berechtigt. Bei aller Schönheit, vielen guten Eigenschaften und willkommener Einsatzvielfalt besonders in einem großen Garten wie dem unseren – wer sonst erfreut uns so lange mit makellosem, kraftvollem Auftritt, liefert ruhige und doch belebende Aspekte mit seinem aparten bläulich grünen Laub, in dem so gern Tau- und Regentropfen funkeln, und den luftigen gelben Blüten – aber Schüchternheit gehört nun wirklich nicht zu seinem Repertoire. Leider. Denn wo er sich wohlfühlt, sorgt er allzu selbstbewusst für Nachkommen und hält auch die fleißigsten Jäter ganz ordentlich auf Trab.

Der großen Gärten Freud’ ist zudem eher der kleineren Gärten Leid. Also wollen wir heute nicht diesem vermehrungsfreudigen, raumgreifenden Burschen die Bühne überlassen, sondern zwei völlig zu Unrecht viel weniger bekannte, dabei sehr ähnliche Geschwister ins rechte Licht rücken. In Gärten mit „normalen“ Ausmaßen sind sie zudem die weitaus bessere Wahl. Der Zierliche Frauenmantel, botanisch Alchemilla epipsila, ähnelt dem großen Bruder in fast allen Teilen verblüffend, wächst aber deutlich moderater. Auch Sämlinge produziert er in eher bescheidenen Mengen. Als Beetstaude ist er viel verträglicher, wächst aber auch für flächige Pflanzungen noch kräftig genug.

Oder wie wäre es mit Alchemilla erythropoda, dem zierlichen Kleinen Frauenmantel, er sieht den großen Geschwistern zwar ähnlich, das Laub ist jedoch noch deutlich bläulicher. Schon früh im Jahr schiebt er seine Blättchen aus der Erde, und bereits zeitig im Mai erscheinen die ersten, von apart rötlich gefärbten Stilen getragenen Blüten. Die ganze Saison hindurch bleibt das Zwerglein attraktiv, es muss also nicht im Spätsommer einem Radikalschnitt von Blüten und Blättern unterzogen werden, um den man bei den beiden größeren kaum herumkommt, weil sie irgendwann eben doch unansehnlich und verbraucht wirken. Nach der Radikalkur treiben sie zwar sofort wieder willig durch und bleiben dann bis zum Spätherbst schön, das kann allerdings, je nach Umfang der Pflanzungen, einigen Aufwand bedeuten, den sich manch „Feierabend-Gärtner“ vielleicht gern ersparen würde. Der Kleinste im Bunde hingegen bleibt ansehnlich und adrett, bis er sich in den verdienten Winterschlaf begibt. In Steingärten, am Gehölz- und Beetrand fühlt er sich gleichermaßen wohl. Manchmal sind eben die Kleinsten die Größten!

Bald können Sie an dieser Stelle so allerhand über eine erstaunliche „Diva“ erfahren, die, anders als ihr Name vermuten lässt, überhaupt nicht kapriziös ist und keinerlei Allüren kennt.

Für heute macht die Gärtnerin Feierabend – bis zum nächsten Mal!


Text und Fotos: Angelika Traub