header

Von Rapunzeln, harten Erbsen und dem Garten des Paradieses

Immer wieder begegnen uns in Märchen Blumen und allerhand andere Pflanzen. Dort spielen sie mitunter nur eine kleine Nebenrolle, oft jedoch kommen sie in den viel geliebten Geschichten unserer Kindheit an ganz zentralen Stellen vor. Man denke nur an die Prinzessin auf der Erbse, die sich erst dadurch als echte Prinzessin erweist, weil sie durch »zwanzig Matratzen und die zwanzig Eiderdaunendecken« eine Erbse spürte: »Ich habe fast die ganze Nacht kein Auge geschlossen! Gott weiß, was in meinem Bett gewesen ist. Ich habe auf etwas Hartem gelegen, so dass ich am ganzen Körper ganz braun und blau bin! Es ist ganz entsetzlich!« Oder denken Sie an das Märchen vom »Schneeweißchen und Rosenrot«. Hier lebt eine Witwe in einem kleinen Haus mit »Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, davon trug das eine weiße, das andere rote Rosen; und sie hatte zwei Kinder, die glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen, das andere Rosenrot.« Und wie sich die beiden Rosenstöcke voneinander unterscheiden, so wenig gleichen sich auch die Kinder!

Nach Feldsalat, auch Rapunzel genannt, gelüstet es eine schwangere Frau im gleichnamigen Märchen: »Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war, und sie sahen so frisch und grün aus, dass sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen.« Natürlich wächst das Objekt ihrer Begierde im verbotenen Garten einer Hexe und indem die Rapunzel verbotener Weise doch gepflückt werden, nimmt das Unheil seinen Lauf…!

Das Märchen vom Däumelinchen wäre ohne seine »pflanzlichen Zutaten« nur halb so reizvoll. Hier wünscht sich eine Frau sehnlichst ein Kind. Dieses, wegen seiner Winzigkeit Däumelinchen genannt, kommt auf eine sehr ungewöhnliche Weise zur Welt, es wird nämlich nicht im klassischen Sinne geboren, sondern von seiner Mutter in einer Tulpe mit roten und gelben Blütenblättern entdeckt. Gebettet wird das kleine zarte Wesen in einer Wiege aus einer Nussschale – Veilchenblätter dienen als Matratze und ein Rosenblatt als Zudecke! Und zum guten Schluss des Märchens vermählt sich unser Däumelinchen mit dem König der Blumenelfen – ist das nicht wunderbar und folgerichtig?

Nur wenige werden Hans Christian Andersens Märchen »Der Garten des Paradieses« kennen. Es handelt von einem Königssohn, der sich aufmacht, den Garten des Paradieses zu suchen und zu finden. Er geht hinaus in die weite Welt, erlebt viele Abenteuer und gelangt schließlich mit Hilfe des Ostwindes in den gesuchten Garten: »Dort sangen die Blumen und Blätter die schönsten Weisen seiner Kindheit, aber so schmelzend süß, wie keine menschliche Stimme hier es vermag. Waren das Palmbäume oder riesengroße Wasserpflanzen, die hier wuchsen? So saftige und große Bäume hatte der Prinz nie zuvor gesehen. In langen Ranken hingen die wunderbarsten Schlingpflanzen, die man sonst nur auf den Rändern alter Heiligenbücher in Gold und Farben, oder sich dort durch die Anfangsbuchstaben schlingend, abgebildet sieht.«

Eines meiner Lieblingsmärchen ist das »Gänseblümchen«, ebenfalls von Andersen, auch wenn es traurig endet. Dem Dichter gelingt es auf anrührende Weise, das zarte Blümchen in all sei¬ner Besonderheit zu schildern. Es kann sich in einem herrlichen Garten inmitten anderer Blumen trotz seiner Unscheinbarkeit seines Lebens freuen und wird von einer Lerche besungen: »Der kleine Vogel tanzte rings um sie her und sang: »Wie ist doch das Gras so weich! Welch liebliche, kleine Blume mit Gold im Herzen und Silber auf dem Kleide!« Doch wie das Märchen vom Gänseblümchen ausgeht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Nehmen Sie doch einfach einmal eines Ihrer alten Märchenbücher zur Hand und machen Sie sich darin auf die Suche nach unseren »grünen Freunden«!

Joseph Freiherr von Eichendorff: »Der alte Garten«

Kaiserkron und Päonien rot,
Die müssen verzaubert sein,
Denn Vater und Mutter sind lange tot,
Was blühn sie hier so allein?

Der Springbrunnen plaudert noch immerfort
von der alten schönen Zeit,
eine Frau sitzt eingeschlafen dort,
ihre Locken bedecken ihr Kleid.

Sie hat eine Laute in der Hand,
als ob sie im Schlafe spricht,
mir ist, als hätt ich sie sonst gekannt
still geh vorbei und weck sie nicht!

Und wenn es dunkelt das Tal entlang,
streift sie die Saiten sacht,
da gibt’s einen wunderbaren Klang
durch den Garten die ganze Nacht


Text: Antje Peters-Reimann
Zeichnung: Zeichnung von Bertall, Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain