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Vom Schöllkraut

Schaue ich aus meinem Arbeitsfenster, dann breitet sich eine 40 cm dicke, sehr beeindruckende Schneedecke im Wald aus. Gibt es denn nichts anderes mehr, als diesen Schnee, der nun schon 1 ½ Monate lang allmählich auf’s Gemüt geht? Ich muss im Gedächtnis und in meinen Bildern kramen, um den Frühling herbei zu locken.

Manchmal, im Mai, ist der Waldboden völlig gelb, vom blühenden Schöllkraut! Es gehört hier in der Schlucht und im Kiefernwald zum Unterwuchs. Ist der Frühling feucht genug, verwandelt es den Waldboden in ein goldgelbes Feld. Bei Trockenheit aber scheint es nicht zu existieren, was natürlich ein Irrtum ist. Die Stauden halten sich dann nur etwas zurück. Schöllkraut, so heißt es, siedelt sich bei den Menschen an, an Mauern, wo etwas Kalk zu finden ist, im Schutt, es gilt als Stickstoffzeiger. Unser Kiefernwald ist offenbar nach über 100 Jahren intensiver menschlicher Nähe schöllkrautfreudig geworden. Den Stickstoff haben wahrscheinlich die zahlreichen Robinien geliefert.

Fasziniert hat schon uns Kinder diese Pflanze mit dem orangen Saft. Und auch der Name, Schöllkraut, gab uns Rätsel auf! Dabei hat diese in der Volksmedizin so wichtige Pflanze dutzende weiterer Namen, die alle auf ihre Verwendung hinweisen. Ein paar Beispiele: Krätzenkraut, Geschwulztkraut, Warzenschmier, Gelbsuchtkraut. Andererseits gilt es auch als sehr giftig. Teufelskraut und Hexenkraut deuten darauf hin, aber auch Ziegentod. Dabei kann ich versichern, dass Schöllkraut für die Ziegen eine Delikatesse ist, ohne jede Nebenwirkung!
Die Bezeichnung Schöllkraut ist ein Lehnwort aus dem Lateinischen und Griechischen. Für die antike mediterrane Welt galt seine gelbe Blüte als Signal für das Kommen der Schwalben. Sie nannten es darum Schwalbenwurz, lateinisch Chelidonium. Das griechisch-lateinisch Chelidonium verwandelte sich im Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen zu Chelkraut, zu Schellkraut, zu Schöllkraut.

Der Name aus der Antike ist erhalten geblieben. Die Botaniker nennen es Chelidonium majus und haben es in die Familie der Mohngewächsen eingeordnet. Äußerlich betrachtet findet man allerdings nicht viel Gemeinsames mit den echten Mohnen. Vielleicht die fiederteiligen, gebuchteten Blätter, vielleicht auch die vierteilige Blüte.
Manchmal erinnern die Blätter an jene der Großstaude Macleaya, auch ein Mohngewächs. Hält man ein Macleaya- Blatt gegen die Sonne, sieht man die orange-gelben Blattadern.
Zu den Mohngewächsen im weitesten Sinnen zählen jedoch auch so völlig aus dem Rahmen fallende Gattungen wie Fumaria, Corydalis und Pseudofumaria, also Erdrauch und Lerchensporn. Die fallen so extrem aus dem Rahmen, dass die Botaniker sie inzwischen in eine eigene Familie, die Fumariaceae gesteckt haben.

Aber zurück zum Schöllkraut. Chelidonium majus gehört als medizinische Pflanze nicht etwa der Vergangenheit an. Ein Zitat aus “Das Große Buch der Heilpflanzen” von Apotheker M. Pahlow: “Die Inhaltsstoffe garantieren, dass Schöllkraut schwach beruhigend, zudem krampflösend auf Bronchien, Darm und Gallenblase wirkt.”
Er rät allerdings dringend vor Selbstmedikamention ab. In der Homöopathie gilt Schöllkraut als hervorragendes Galle- und Lebermittel, auch bei Bronchitis und Lungenentzündung wird es verordnet.

Nun aber zu den Warzen: Schöllkraut hilft wirklich dagegen.
Man muss den orangen Saft nur mehrmals täglich auf die Warzen tupfen, dann verschwinden sie.

Die Betrachtung über das Schöllkraut wäre unvollständig, und damit schließt sich der Kreis, wenn ich nicht auf die bescheidene Schönheit dieser Wildstaude hinwiese. Das gilt sowohl für die Einzelpflanze wie für ein Massenaufkommen wie hier im Wald.


Text und Fotos: Christian Seiffert