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Vom gelben Blickfang

Es ist Mai, da herrscht geschäftiges Treiben im Schrebergarten. Was im März in Saatschalen und Multitopfplatten gestreut wurde, hat längst – mit etwas Glück – die Krume durchstoßen und will die Enge der Plastikschale und die Bedachung des Gewächshauses verlassen. Auf unserem nicht besonders nahrhaften Sandboden empfiehlt sich das Eine, das Andere ist weniger erfolgversprechend. So war die Kartoffelernte im letzten Jahr mal wieder die reinste Freude, vom Kohl sollte man dagegen schweigen. Aber meine bessere Hälfte versucht es jedes Jahr auf’s neue. Rotkohl beispielsweise setzt sie, allein der Farbe wegen, überall dazwischen und ich muss sagen, auch wenn kein schwerer Kopf rauskommt, machen sich die reinen Blattpflanzen ganz schick zwischen den Stauden. Beispielsweise die Kombination mit Sedum ‘Karfunkelstein’, Heuchera ‘Pinot Gris’ und dem Japanischen Regenbogenfarn finde ich recht gelungen.

Doch was heißt hier reine Blattpflanze? Eine der fünfzehn Rotkohlpflanzen hatte sich mehr vorgenommen als die anderen. Sie wollte partout keinen Kopf ausbilden und ließ sich nach der Saison nicht vom zuerst regnerischen und zuletzt frostigen Winter in die Knie zwingen beziehungsweise zu Matsch verwandeln. Im Gegenteil – sie wuchs einfach weiter, durch den Sommer in den Herbst hinein und sogar in den milden Tagen des jungen Januar war diese Pflanze die einzige, bei der ich den Eindruck hatte, sie sei gewachsen seit dem letzten Besuch. Jedenfalls stand Anfang März, als wir zu Staudenschnitt und Gewächshausreinigung in unser Gärtchen zurückkehrten, ein einsamer Rotkohl-Hochstamm mitten in einem Beet, das wir für unsere 2018er Kürbis-Pyramide vorgesehen hatten. Der Stolz meiner besseren Hälfte führte zu der Entscheidung, den Kohl dort zu lassen und das Beet umzuwidmen, für Kleinkram, Radieschen und so. Ein paar Tage später warf ein Sturm die statisch ungünstig gebaute Pflanze um und ich war mir sicher, dass dies den Radieschen-Plan rückgängig machen würde. Weit gefehlt, der Rotkohl bekam einen Pfahl und wurde angebunden. Wie meine Tante, der ein Rollator zu neuem Lebensmut und ihrer Mobilität zu neuer Blüte verhalf, nahm der Rotkohl den Stock und wuchs über sich hinaus. Über den unteren achtzig Zentimetern, blattlos, vernarbt, schäbig, entstand binnen kurzem eine stattliche Krone. Die Blätter waren schmal und fiederförmig, und dank der sommerlichen Temperaturen fing der Kohl Mitte April an, goldgelb zu blühen. Der Kontrast zum Lilablau der Blätter war umwerfend. War? Mitte Mai blühte er immer noch! In der Höhe blüht sonst noch nichts um diese Zeit, und gerade aus größerer Entfernung war der Rotkohl ein grandioser Blickfang.

Demnächst wird er die Blüte beendet haben und dann folgte die Phase, an die mich jetzt meine bessere Hälfte, aber auch mein waches Auge gemahnte. Überall in diesem Beet sind nämlich kleine Kohlpflanzen aufgelaufen, in der Farbe von Rotkohl. Diese Abkömmlinge stammen allerdings vom Braunkohl ‘Rote Palme’, den ich, allein schon aus politischer Verantwortung, Grünkohl nenne. Der war ebenfalls zum Essen zu mager gewesen und blieb stehen, blühte und warf Samen ab, bevor er auf den Komposthaufen wanderte. Diese Pflänzchen stehen jetzt in Reih und Glied, haben eine satte Portion Komposterde bekommen und werden sich zwischen Stauden und Zucchini, hinter einer Eibenfigur und vor einer Strauchrose fabelhaft machen. Und eine davon lassen wir stehen und wachsen. Kohl kann so was Wunderbares sein!


Text und Fotos: Stefan Leppert