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Vollblutgärtner

Der März ist der spannendste Monat im Garten. Zumindest im Schrebergarten. Zumindest für den Vereinsvorsitzenden. Anders als der Privatgarten, hält der Kleingarten einen ungestörten Winterschlaf. Von Ende November bis Ende Februar kommt selten jemand in die verwaist daliegende Kolonie. Doch damit ist es im März vorbei. Der März 2017 war ein Supermärz. Er bescherte uns diverse Frühlingssonnentage, an denen die, die es zu etwas bringen wollen, bis in die Dunkelheit aktiv sind. Die Gärtner reinsten Blutes sind die Schrebergärtner. Da werden Komposthaufen umgesetzt, die künftigen Gemüsebeete mit dem Vierzahn durchgezogen, dicke Spinatsamen ausgesät, Zwiebeln gesteckt, es wird Staudenschnitt geschreddert, Kalkstickstoff gestreut, frischer Giersch gezupft und hundert Dinge mehr. Es gibt also viel zu tun.

Der Vereinspräsident erwartet dann mit Spannung seine „Kandidaten“. Diese Spezies sind jene, die jedes Jahr zu spät anfangen, jedes Jahr einen Anpfiff oder gut gemeinte Tipps bekommen und jedes Jahr geloben, im nächsten Jahr früher zu beginnen. Einer dieser Kandidaten ist Friedhelm (* Name geändert). Friedhelm ist Lehrer, er hat eine Frau, zwei Kinder und wenig Zeit. Binnen zwei Jahren schaffte er es, einen tipptopp gepflegten Garten zu einer Unkrautwüstenei werden zu lassen. So schnell konnte der Vorsitzende gar nicht gucken. Auf dessen Anraten im letzten Jahr waren Friedhelm und seine Familie im März auch schon da, zum Laubeinspizieren, Kinderschaukelsaubermachen und Queckeangucken. Friedhelm verstand am Anfang unter der gesetzlich vorgeschriebenen kleingärtnerischen Nutzung Laub- und Laubefegen, Rasenmähen, Kinderschaukelnlassen und Queckeangucken. Da er damit mit der Vereinssatzung in Konflikt geriet, nahm er die Empfehlung des Vorsitzenden zur Kenntnis und versuchte es mit einfachem Gemüse: Kartoffeln. Er bestellte fünf Kilo Setzkartoffeln, stach Löcher in die Wiese, stopfte jeweils ein Kartöffelchen hinein und deckelte das Loch mit dem Soden wieder zu. Erwartung wandelte sich zu Verzweiflung, denn während sich im Juli bei den anderen Gärtnern schon die ersten Anzeichen von Braunfäule am üppigen Kartoffelkraut der frühen Allians und deren baldige Ernte zeigten, hatten bei ihm nur ein paar Kartoffeln ihr Grün durch die Rasenmatte stechen können und dümpelten entkräftet vor sich hin. Man hätte ihm ja auch mal sagen können, beklagte er, dass sich Kartoffeln und Rasen nicht verstünden. „Versuch’s mal mit Kürbis“, hatte ihm ein Gartennachbar dann empfohlen, „das funktioniert immer“. Ob man diese Kerne wenigstens in den Rasen stecken könne, erkundigte er sich. Die einzige Ernte von Friedhelm blieb indes das Kopfschütteln des Nachbarn, obwohl er besonders pfiffig sein wollte. Er hatte sich nämlich einen ineinander gesteckten Holzlattenkomposter gekauft. Kürbis auf Komposthaufen, sowas hatte er schon mal auf einem Bild gesehen. Damit der Hornbach-Komposter nicht gammelt, hatte er ihn mit Folie ausgekleidet und, damit das Wasser nicht so schnell wegsickert, auch nach unten abgedichtet. Mit dem Komposter wollte er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. So schälte er ein Stück Rasen ab, gewann damit ein bepflanzbares Beet und verbrachte die Soden mit dem Grünen nach unten in den Komposter. In das Beet säte er Möhren aus, auf die Rasensoden legte er Kürbissamen und deckte sie mit etwas Erde ab. Der Juni, Juli und August gingen ins Land, Friedhelm war zufrieden. Tatsächlich gingen drei Kürbissamen auf, und auch die Möhrenreihen waren so grün wie beim Nachbarn. Und er beherzigte den gut gemeinten Ratschlag und riss immer wieder junge Möhrenpflänzchen aus, damit die verbliebenen Platz bekamen. Wie bei allen anderen Laubenpiepern wurde es auch bei Friedhelm herbstlich, doch anders als bei den Vereinskollegen erreichten seine Kürbisse die Größe eines Tennisballes und die Möhren waren verwurmt. Möhrenfliege? Möhrennetz? Das hätte man ihm doch mal sagen können.

Im vergangenen Jahr hat Friedhelm zwei Obstbäume gepflanzt. Er hatte gehört, dass die von den Kronen abgedeckte Fläche voll als Anbaufläche angerechnet wird und er damit das geforderte Obst- und Gemüsedrittel erreicht. Jetzt wartet Friedhelm auf den Obstbaumaustrieb. Friedhelm gibt nicht auf. Friedhelm will nicht kündigen.


Text und Fotos: Stefan Leppert