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Väterchen Frost – ein begnadeter Designer …

…die allerletzten Blüten des Jahres verzaubert er in einer einzigen Nacht, wie mit Feenstaub überpudert. Was gestern noch grün und bunt war, hat über Nacht seine Farben verloren, es erscheint nun blass und mit weißen Kristallen geschmückt. Selbst auf die Fenster mancher Hütten zeichnet er wunderschöne bizarre Eisblumen. Ich liebe die Verwandlung, die Väterchen Frost in unsere Gärten und Parks zaubert. Das üppige Bunt von Sommer und Herbst weicht blasseren und ruhigeren Farben – passend zur stillen besinnlichen Zeit.

Kaligraph Frost
Als Kaligraph verbringt der Frost die Stunden
in dunkler Nacht. Der Morgen zeigt die edle Kunst
auf Fensterglas zu schreiben, den spitzen, runden
Kristall zu formen aus gekühltem Dunst.

Die Lettern dieser Schönschrift schreiben Märchen,
sie schildern wahre Wunder aus dem Eispalast.
Die Sternchenwörter mit verspielten Härchen
erzählen, was du niemals je gelesen hast.

Den Menschen fordern solche Reifgebilde
im Deuten dieser Zauberschriften Sinngehalt.
Doch achte, wird es unversehens milde,
entflieht der Formenkünstler durch den Fensterspalt.

Winter und Väterchen Frost

In den Tiefen der Wälder haust er – ein Greis mit langem silbergrauen Haar und Bart. Eiskristalle auf der graugrünen Haut. Es ist Väterchen Frost, der Winterschmied.

Älter als das Land selbst steht er vor seiner Grotte, aus der er soeben erstiegen ward. Hinauf in den wolkenverhangenen Himmel blickt er, der Herbst neigt sich seinem Ende entgegen.

Da taucht ein Fuchs zu Füßen des Alten auf, das Fell schon strahlend weiß. Es ist soweit, spricht er zu Väterchen Frost und dieser nickt versonnen. Seine trüben grauen Augen erspähen sie genau in diesem Moment – wie jedes Jahr …

Dort wandert sie voll Anmut durch den Herbstwald, ihr Körper gekleidet in weiße Seide, die ihren wundervollen Körper umspielt. Sie schwebt über den Waldboden, Ihre nackten Füße berühren ihn nicht. Das wunderschöne Gesicht eingerahmt von silbrigem Haar – sie ist der Winter.

Ihre glatte bleiche Haut schimmert im Sonnenstrahl, der durch die Wolken bricht. Sie ist der Winter, so kalt und wunderschön, so hart und doch so liebenswert.

Väterchen Frost sah in ihr etwas wie eine Tochter, obwohl sie schon viel länger auf dieser Welt wandelte, als er. Einmal im Jahr beehrte sie die Welt mit ihrem schönen Äußeren, für nur wenige Monate. Sie liebt Schnee und Kälte, schon immer.

Väterchen Frost wusste dies und wollte sie jedes Jahr erneut damit beglücken. Also ließ er es schneien und das Land in Kälte versinken. Wege verschneiten und Wälder vereisten. Die Welt wurde in glitzerndes weiß getaucht, den stahlgrauen Himmel als Kontrast darüber.

Und sie tanzte unter den funkelnden Nordlichtern durch den Schnee, schöner als alles je Gesehene. Die nackten Füße durch das strahlende Weiß, das Gesicht glücklich und vom Mond beschienen. Und Väterchen Frost stand am Waldrand und lächelte – wie jedes Jahr…

Die Welt schlief unter dem Schnee, das Leben darunter versteckt. Die Menschen hatten sich in ihren Häusern vor die Kamine verkrochen und warteten. Warten auf die Wärme des Frühlings, die das kalte Weiß mit sich nehmen würde – doch jetzt war ihre Zeit, es war die Zeit des Winters.

Laut lachte sie ihre Freude hinaus in die Nacht. Doch bald war ihre Zeit vergangen. Das Sonnenlicht brach den eisigen Bann und der Schnee schmolz. Das Leben kehrte in die Welt zurück.

Sie wandte sich lächelnd zu dem Alten um und winkte ihm zum Abschied.

Dann ging sie fort – wie jedes Jahr…

Väterchen Frost lächelte und winkte auch ihr zum Abschied. Dann kehrte er heim und zog sich in seine Grotte in den Tiefen der Wälder zurück.

Der Fuchs hatte sein Winterfell abgelegt und trug seinen roten Pelz im ersten Licht des nahenden Frühlings. Er würde nach einer Partnerin suchen und dann bald seinen Nachwuchs groß ziehen – vor dem nächsten Winter.

Schlafe gut und lange Väterchen Frost sagte der Fuchs. Das würde er. Er würde davon träumen, wie sie lachte und wie glücklich sie war. Und wenn sie wiederkehrte würde er ihr wieder Schnee und Kälte schenken.

Wie jedes Jahr…

Unbekannter Autor