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Über Phlox amplifolia

Richard Hansen schuf einmal den Begriff "Wildstauden mit Beetstaudencharakter". Er meinte damit Wildstauden, die zahm und horstig wachsen und die offenen Boden vertragen, so dass man sie den echten Beetstauden zugesellen kann. Gern hätte ich erfahren, was Richard Hansen zu Phlox amplifolia sagen würde, den er in seinem Buch über die Lebensbereiche der Stauden nicht erwähnen konnte, weil dieser Phlox als Gartenpflanze noch nicht entdeckt worden war. Ist Phlox amplifolia eine Wildstaude, eine Beetstaude oder eine Wildstaude mit Beetstaudencharakter?

Anständige Gärtner werden die Sorten von Phlox amplifolia wie Beetstauden behandeln. Sie werden sie in ein Beet mit offenem Boden pflanzen, sie hin und wieder mit Kompost versorgen und sie nach der Blüte zurückschneiden, um Samenbildung zu vermeiden. Auf eine Eigenschaft von Phlox amplifolia hat aber schon der Phlox-Spezialist Hermann Fuchs hingewiesen: keine zu tiefe Bodenbearbeitung, aus jeder verletzten Wurzel wächst ein neuer Trieb!

Ist man ein etwas liederlicher Gärtner wie ich, dann erlebt man mit diesem Phlox sein blaues Wunder. Können sich die Samen entwickeln, dann keinem sie auch reichlich, und dies an Stellen, wo man es nicht erwartet, z.B. in und auf Mauern. Damit nicht genug verbreitet sich dieser Phlox vegetativ ebenso reichlich, auch ohne nennenswerte Bodenbearbeitung.
Hat es ähnliche Erfahrungen bei der Einführung anderer Gartenpflanzen auch gegeben? Es scheint so, als ob dieser Phlox, "den humusreichen Böden lichter Wälder" (Fuchs) Nordamerikas entnommen und in Mitteleuropa ausgepflanzt und vermehrt, auf einmal zeigt, was in ihm alles steckt, wie sich der helllila Grundton der Wildart auf einmal aufspaltet, wie die Spektralfarben aus dem weißen Licht.

Sehr schnell können dadurch interessante Farbsorten entstehen, wie Walter Schimana es uns zeigt. Seit etwa 8 Jahren stehen seine Sorten 'Winnetou' und 'Minnehaha' im Jamlitzer Sandgarten und bilden stattliche Horste. Die Wildart und eine erste Auslese von Fuchs, die Sorte 'Hof' hatten sich in Jamlitz schon länger getummelt. Nun stehen seit 2011 vier weitere Schimana-Sorten "im Test". Eine Sorte, 'Skootekitehi' erweist sich als wahrer Volltreffer. Die Blütenfarbe ist von kräftigem Rotviolett mit großer Leuchtkraft. Das ist bislang die stärkste Farbe bei den Amplifolia-Phloxen. Die zweite Sorte, 'Tecumseh' unterscheidet sich von 'Winnetou' nur geringfügig. 'Winnetou' hat eine Nuance mehr Blau in der Blüte. Zwei weitere Sorten verweigern bislang die Bewertung. 'Shemeneto' und 'Waupee' wollen noch nicht blühen, ihr Laub ist niedrig geblieben, was sicher mit dem Standort oder anderen Einflüssen zu tun hat. Warten wir das nächste Jahr ab.
Anmerkung der Redaktion: 'Waupee' ist der am spätesten blühende Amplifolia-Phlox.

Solche schönen Farbsorten wird man vernünftiger Weise zunächst als Beetstauden verwenden und sie entsprechend behandeln. Die Wildart aber und zahlreiche Sämlinge bewähren sich als sichere Farbkomponenten am Gehölzrand. Dort können sie sich als Wildstauden nach Belieben austoben. Wurzeldruck von Bäumen und die Bedrängung durch andere Waldrandstauden scheint ihnen nicht das Geringste auszumachen.

Während die unzähligen prächtigen Sorten von Phlox paniculata besseren Boden und ein niederschlagsreiches Klima brauchen, um wirklich zu gedeihen, haben wir nun einen Phlox für trockene Lagen und sandigen Boden. Und man kann wetten, dass daraus eine ähnlich große Vielfalt entstehen kann, wie bei Phlox paniculata.

Und da sind wir bei den jamlitzer Sämlingen. Es bedarf einiger Jahre, um ihre Qualität richtig einschätzen zu können. Ein hellrosa Sämling, den ich 2011 im Gedanken mit 'Morgenröte' betitelt hatte, entpuppt sich 2012 als 'Rosa Turm' mit enormer Blütenfülle, die weit am Stiel hinunter reicht… In diesem Jahr zum ersten Mal blüht ein hellrosa Amplifolia-Phlox mit rotem Auge. Abwarten, was daraus wird. Es werden sich unweigerlich jedes Jahr neue Spielarten einfinden und für Überraschung sorgen.


Text und Fotos: Christian Seiffert