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Tulpenjuwelen

Wer an Tulpen denkt, hat meist gleich einen bunten Strauß im Sinn oder erinnert sich an knallbunte Beete in Frühlings-Gärten und Parks. Die betreffenden Blumen sind dann meist recht groß und stehen auf Stielen, die zwischen 30 und 50 cm lang sind. Lange Zeit waren auch das die Tulpen, die ich in Gartenbeete gesetzt hatte. Je größer, je besser. Barocker Prunk war angesagt.

Doch der Glanz war nicht so ganz zum Nulltarif erhältlich. Damit meine ich nicht die Erstehungskosten der Zwiebeln. Das hat sich seit der Zeit der Tulipomania vor gut 400 Jahren grundlegend geändert – damals waren Zwiebeln begehrter Sorten gut und gerne so viel wert wie ein komplett eingerichtetes Stadthaus in bevorzugter Amsterdamer Wohnlage mit Grachtenblick. Heute übertrumpfen sich die günstigen Zwiebeln gegenseitig mit ihrer Pracht. Das Problem der großblumigen Tulpen-Diven besteht eher in ihren hohen Ansprüchen. Sie brauchen ein hohes Maß an Nährstoffen, frühlingshafte Feuchte und sommerliche Sonnentrockenheit und einen leichten Boden. Ich hatte Jahr um Jahr immer wieder neue Tulpen gepflanzt, nur um feststellen zu müssen, dass sie sich in den nächsten Jahren mehr oder weniger verabschiedeten. Lediglich einige Viridiflora-Tulpen, die eine oder andere Darwin-Hybride oder Lilientulpe und (mit relativer Sicherheit) Abkömmlinge der gedrungenen Greigii-, Fosteriana- und Kauffmanniana-Tulpen halten länger als eine Saison durch. Ich verlor die Lust an Tulpen und wandte meine Liebe und mein Budget den Narzissen zu.

Erst als ich von einem Freund ein ganzes Paket Tulpenzwiebeln geschenkt bekommen hatte, und die Zwiebeln aus purer Verlegenheit in Terracotta-Gefäße setzte, flammte meine Liebe zu diesen fantastischen Gewächsen wieder auf. Sie standen in durchlässigem Substrat, bekamen zur Blütezeit einen Schwung Flüssigdünger und landeten nach der Blüte an einen sonnigen Platz neben einem Gartenhäuschen. Sie wurden nur bei anhaltender Trockenheit gegossen damit das Laub nicht vor der Zeit vergilbte. Erst als die Blätter völlig vergilbt waren, zog ich sie vorsichtig aus dem Boden. Dann habe ich die Gefäße unter das überstehende Dach, aber immer noch sonnig aufgestellt; so konnten die Zwiebeln in der warmen Julisonne regelrecht ausbacken. Das Ergebnis: Viele Pflanzen haben nicht nur eine große Ersatzzwiebel gebildet, sondern auch blühfähige Tochterzwiebeln. Der Bestand hat sich also verdoppelt. Die Unabhängigkeitserklärung gegenüber den Niederlanden habe ich allerdings noch immer nicht formuliert – dazu gibt es zu viele Sorten, die ich im Laufe meines Lebens noch unbedingt kennen lernen möchte. Große Tulpen sind nun also fest vorgesehen als Schmuck für Terrassen und Balkone; lediglich die erwähnten zähen Spielarten lasse ich noch frei.

Aber über große Tulpen wollte ich gar nicht schreiben – jaja, wem als Gartenschriftenersteller das Herz voll ist, dem fließt die Tatstatur über … eigentlich ging es mir um die kleinen Tulpenschätze.

Im Laufe eines Gärtnerlebens verändern sich die Vorlieben für Pflanzen stetig. Das ist durchaus vergleichbar mit wechselnden Lieblingsessen – ich weiß noch genau, wie ungern ich als Heranwachsender Tomaten aß, während ich sie heute geradezu liebe. Als junger Mann mochte ich in erster Linie große, prunkvolle Blumen. Ich konnte mich nicht sattsehen an der Üppigkeit der Blüten und wollte eindrucksvolle Rabatten gestalten. Mittlerweile hat sich das geändert und ich lasse mich immer stärker von den kleinen, raffinierten und feinen Blüten in Bann schlagen. Bei Tulpen ist dieser Wandel ganz deutlich! Auch wenn ich die großen Sorten nach wie vor klasse finde, gehört doch meine Liebe den kleinen Kollegen aus der Riege der Schönheiten des Morgenlandes. Ich hatte vor gut einem Dutzend Jahren das erste Mal Tulipa humilis gesetzt. Ich hatte gehofft, dass sie etwas unkomplizierter wachsen als die großen Primadonnen. Das trifft nur zum Teil zu, die Ansprüche der kleinen (durchlässiger, sommertrockener Boden) sind ziemlich gleich, wenn sie auch keinen so hohen Bedarf an Nährstoffen haben. Lediglich die heimische gelbe Weinbergtulpen Tulipa sylvestris toleriert etwas feuchtere (nicht nasse!) Standorte im Frühling. Nie werde ich vergessen, wie ich sie pulkweise in einem sehr schönen Kräutergarten im niedersächsischen Celle, nahe bei einem Fluss, gemeinsam mit Dichternarzissen Narcissus poeticus ‘Actaea’ habe blühen sehen. Beide Pflanzen wilderten sich auch jenseits des Gartenzaunes aus … aber ich schweife schon wieder ab …

Zurück zu Tulipa humilis. Die kleinen Blüten hatten eine gelbe Mitte und die Blütenblätter schimmern in einem hellen Lilarosa-Ton. Nicht schlecht, aber auch nicht wirklich spektakulär. Einen Herbst später stieß ich auf die damals noch sehr teure Tulipa humilis pulchella ‘Albocoerulea’, die zahlreiche weiße Blüten mit einem ungewöhnlich schönen dunkel stahl- bis tintenblauen Zentrum öffnet. In jenem Herbst ging fast das ganze Geld, das ich für Tulpenzwiebeln ausgeben wollte, für diesen Einzelposten drauf; mittlerweile ist diese Art aber glücklicherweise deutlich günstiger, auch wenn sie noch einen gewissen Preis hat. Da sie vorsorglich an einem passenden Platz gesetzt wurde, hielt sie auch zuverlässig durch.
Eine dritte Sorte aus der Humilis-Tulpengruppe bescherte mir einen magischen Gartenmoment. Sie heißt ‘Persian Pearl’. Der dunkle Purpurton, der sich näherungsweise mit dem Begriff “Violettkarmesin” fassen lässt, machte mich neugierig. Wie so oft war allerdings der Frühlingshimmel bewölkt, als sich die ersten Knospen öffnen sollten. Leider fehlte es der Farbe bei dieser Beleuchtung an Brillanz; lediglich das gelbe Zentrum sorgte für Spannung. Einen Tag später aber schien die liebe Sonne vom blitzeblauen Himmel. Ich genehmigte mir eine Tasse Kaffee und setzte mich auf die erwärmte Steintreppe, um das Wetter eine Viertelstunde zu genießen. Neben mir, auf dem sonnenzugewandten Hang, standen meine persischen Perlen und öffneten die Blüten sehr weit. So präsentierten sie die gelbe Kontrastfarbe besonders stark. Fantastisch glühte der Purpurton auf und funkelte wie ein Edelstein im Gegenlicht. Blütenfarben sind schwer zu beschreiben, da sie abhängig von der Beleuchtung variieren. Unwiderstehlich werden sie dann, wenn man sie einmal in unterschiedlichen Lichtstimmungen erlebt hat. Ich war rettungslos verloren…

Ein weiterer kleiner Vertreter der Tulpenriege schickt sich jetzt an, mein Herz zu erobern. Es ist die bezaubernde Wildart Tulipa schrenkii. Sie steht den etwa gleich hoch wachsenden historischen Duc-van-Tol Tulpen sehr nahe; von der rot-gelben Sorte dieser Züchtungen ist Tulipa schrenkii nur schwer (ehrlich gesagt – für mich gar nicht) zu unterscheiden. Die kleine Wildart schlug mich bei einem Besuch niederländischer Tulpenfelder sofort in den Bann. Immerhin suchte ich auch passende Sorten für windig stehende Balkone. Gerade an Pflanzplätzen, die man aus der Nähe betrachten kann, spielt diese Tulpe ihre Reize voll aus. Vor wenigen Wochen konnte man bei der Illertisser Gartenlust solche vorgetriebenen blühenden Wildtulpen bestaunen. Spätestens ab diesem Anblick war es mir unmöglich, diese Tulpe in meinen Schreibarbeiten und für meine Frühlingspflanzungen zu ignorieren. Wovon soll ich ihnen berichten? Von den weit geöffneten Blüten mit einem immensen Farbenspiel? Von der hübsch proportionierten kleinen Pflanze? Von dem leichten Duft nach Tulpe und Honig, der die Blüten umwehte?
Goethe sprach einst “Über Rosen lässt sich dichten, in Äpfel muss man beißen!” Ich wage zu widersprechen. Auch Blumen müssen erlebt werden. Nur dann kann man diesen Genuss voll verstehen und wird das nie wieder vergessen!


Text und Fotos: Andreas Barlage