header

Tomatenlust!

Jetzt bekommen sie wieder rote Backen, die herrlichen "Gemüsefrüchte", am leckersten sind sie natürlich frisch aus dem eigenen Garten. Wir können heute (wieder) aus einer Fülle unterschiedlichster Sorten wählen, vom winzigen, nicht einmal kirschgroßen Kerlchen bis hin zu Exemplaren, die offensichtlich versuchen, ins Reich der Riesen Eingang zu finden – von unserem Speisezettel sind sie jedenfalls schon lange nicht mehr wegzudenken. Aber wissen Sie, wie und wann die Tomatenlust hierzulande ihren Anfang nahm?

Inspiriert von meinem geschätzten Gartennotizen-Kollegen Christian Seiffert, der in seinem letzten Text eines meiner Lieblings-Bücher und seinen Autor sehr treffend beschrieb, möchte ich ein weiteres Mal Johannes Böttner, diesen zu seiner Zeit hoch angesehenen Gartenfachmann zu Ehren kommen lassen und Ihnen eine hinreißende antiquarische Delikatesse ans Herz legen, die ich vor einigen Jahren entdeckte. Es werden nur noch sehr wenige (und sehr teure) antiquarische Exemplare angeboten – mein Büchlein stammt aus dem Jahr 1922, das war immerhin schon die  6. Auflage (!), aber ich erfuhr von Christian Seiffert, dass man es nun als Reprint im Packpapierverlag Osnabrück für nur acht Euro bestellen kann.

Nun aber zu unserer Geschichte:

"Ist man erst einmal auf den Geschmack gekommen, so isst man sie auch gern, ja, Tomatenessen wird zur Leidenschaft, zur Begierde nach unbegrenztem Genuss der Früchte!" Mit diesem begeisterten Ausruf zitiert Böttner den wackeren Gärtnereibesitzer Lüben im Jahr 1900, der damals allerdings mit seiner Begeisterung noch ziemlich allein in unserem Land war.
Weiter erfahren wir, dass zu dieser Zeit in Italien schon gute hundert Jahre so manche Köchin des Morgens ihre Herrschaft zu fragen pflegte, was man denn heute "zu den Tomaten essen wolle". Auch in England erfreuten sie sich längst großer Beliebtheit. Bei uns hingegen wagte sich noch kaum jemand an die verdächtigen roten Dinger. Immerhin, so berichtet Böttner, gelang es hin und wieder unerschrockenen Pionieren des Gartenbaus, unreife grüne Exemplare, getarnt als "afrikanische Riesenstachelbeeren", im Einmachglas auf den Familientisch zu schmuggeln.

Obwohl von Kolumbus schon 1498 aus dem tropischen Süd- und Mittelamerika mitgebracht, wo sie bereits seit etwa 200 v.Chr. bis 700 n.Chr. von den Maya und anderen Völkern kultiviert wurden, erschwerte ihr strenger Geruch und die Verwandtschaft zu anderen Nachtschattengewächsen, den verrufenen "Hexenkräutern", ihre Einführung in der Alten Welt. Zwar wurde, so erklärt der Autor, "um 1800 für eine Pflanze bis zu 400 Mark bezahlt", aber nur, um sie als exotische Zierde im Wintergarten zu halten. Und was hat man ihr nicht alles angehängt! Giftig sei sie – was auf die unreifen Früchte sogar zutrifft, denn das in ihnen enthaltene Solanin wird erst beim Reifen abgebaut – oder man argwöhnte, dass die sinnliche Form und verlockende Farbe der reifen Früchte Liebeswahn auslösen könne. Liebes- oder Paradiesäpfel hießen sie deshalb auch, und das war zunächst nicht freundlich gemeint! "Paradeiser" sind sie bis heute in Österreich geblieben.

Wie gelang denn nun der Durchbruch? Tatsächlich – am Anfang stand kein anderer als der hier auch seine "Marketing-Talente" offenbarende Johannes Böttner. Mit Hilfe einer regelrechten Kampagne – im Buch (aus heutiger Sicht) zum Balkenbiegen komisch geschildert – gelang es ihm im Jahr 1903, die misstrauische Bevölkerung durch eine listig inszenierte Verkostung im Rahmen eines groß aufgezogenen Festes für Schrebergärtner vom Wohlgeschmack und Gartenwert der lang Verschmähten zu überzeugen. Und siehe da, schon bald konnten die Wochenmärkte die zuvor so dürftige Nachfrage nicht mehr befriedigen. Die Schweine, an die man bis dahin die wie Sauerbier angebotenen Tomaten oft verfüttern musste, hatten von nun an das Nachsehen.

Heute verzehrt jeder Deutsche im Schnitt 22 kg Tomaten pro Jahr. Weltweit liegt die Jahresproduktion bei 120 Millionen Tonnen, damit zählt Solanum lycopersicum zu den wirtschaftlich bedeutendsten Gemüsearten. Über 10.000 Sorten sind bekannt!

Für heute macht die Gärtnerin Feierabend – Bis zum nächsten mal…


Text und Fotos: Angelika Traub