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Stiefmütterchen vs. Hornveilchen

Mit Stiefmütterchen ist es ja so eine Sache. Auf der einen Seite ist kaum eine Pflanze so einfach als Farbtupfer im Herbst und Frühling einsetzbar, steht in einer derart reichen Farbauswahl zur Verfügung, ist dermaßen preisgünstig als fertige Pflanze und gebärdet sich so unkompliziert wie das „Jesetsche“ (=„Gesichtchen“, wie es im Rheinischen noch gelegentlich genannt wird.) Auf der anderen Seite sind Stiefmütterchen so allgegenwärtig in öffentlichen Anlagen, auf Friedhöfen und in Vorgärten, dass sie für viele Zeitgenossen schon zum Inbegriff der Langeweile, des Spießertums und der Einfallslosigkeit geworden sind. Erinnere ich mich an meine Einsätze als Verkäufer in Gartencentern, denke ich an viele Kunden, die bei der Beratung sagten: „Alles, nur keine Stiefmütterchen.“

Am Anfang meiner Garten-Karriere standen meine Mutter und ich so manches Mal vor der Aufgabe, zu Ostern den Garten „schön“ zu machen. Je nachdem was bereits blühte entschieden wir, wo und wieviele Stiefmütterchen wir einfügen wollen, um unsere Sehnsucht nach Farbe zu stillen. Hiermit oute ich mich ganz klar: Ich mochte sie immer … und gehöre bis heute nicht zu den Stiefmütterchen-Hassern. Allerdings distanziere ich mich von den monströsen Rüschenblüten und den übergroßen flatschigen Blumengesichtern. In meiner romantisierenden Idealvorstellung eines vollendeten Stiefmütterchens kommt mir eine Mischung von Sorten in den Sinn, in denen warme, holzige Rottöne Farbverläufe von Gold, Gelb, Lila und gelegentlich Purpur aufweisen. Jede Blüte zeigte sich ein wenig anders und ich freue mich an der Erinnerung, wie passgenau wir sie seinerzeit zu den entsprechenden Tulpen, Narzissen, Goldlackpflanzen und Hyazinthen gesetzt haben.

Mit der Zeit allerdings traten die „reinen“ Farben einen Siegeszug an. Immer mehr Gärtnereien boten streng voneinander getrennte, uniforme Farbenträger an. Ich konnte sehr bald keine gelb, apfelsinenfarben oder blau-mit-weißer-Fahne blühenden Stiefies mehr sehen.

Irgendwann waren die von mir so geliebten variierenden Mischungen verschwunden. Ich griff zur Samentüte – gern auch aus England – und experimentierte herum und stellte feste, dass leider viele meiner heiß begehrten Favoriten nicht das hielten, was die Packung versprach. Eine Zeitlang probierte ich es jedes Jahr. Die guten Wachser bei den Pansies (so heißen Stiefmütterchen und Männer meiner Sortierung in England) wurden grundsätzlich von deutschen Anbietern verkauft und waren mir zu langweilig. Die spannenden Formen aus dem europäischen Mutterland der Hobby-Gartenkunst kamen nicht klar mit dem kontinentalen Klima, so mein subjektives Fazit. Ich gab vorerst auf.

Etwa in den 80er Jahren kamen mehr und mehr die kleinblumigen Stiefmütterchen in Mode. Das traf den Zeitgeist, denn viele Gartenfreunde hatten die „Riesenblumer“ satt. Die niedlichen kleinen Violas, die fast immer ein Kreuzungsprodukt aus dem Kulturstiefmütterchen (Viola x wittrockiana) und dem kleiner blühenden Hornveilchen (Viola cornuta) waren, sprachen mich ebenfalls an. Ebenso wie ihre großblumigen Schwestern werden sie aus Saatgut gezogen – das Nonplusultra waren immer die so genannten F1-Hybriden. Ich entwickelte einen Faible für zartgelb blühende Sorten, die ich unbekümmert mit dem kräftigen Rosa von den üblichen Zwiebelblumen sowie vom Tränenden Herz kombinierte. Die kleinen Farbwunder wurden allgemein als Hornveilchen verkauft… und über diesen Begriff bin ich nach meiner ersten Euphorie gestolpert.

Warum? Ganz einfach. Meine Mutter war „schuld“, denn sie sprach bereits in den 70er Jahren von Hornveilchen, als dieser Hype noch gar nicht aufbrandete. Sie zeigte mir im Garten der Nennonkel und -tante „Hermann und Grete“ mal solche Pflanzen. Diese waren noch etwas kleiner als die später populären Massenartikel und zeigten sich deutlich graziler und … hmmm wie soll ich sagen …. verspielter, romantischer vielleicht – alles in allen absolut entzückend. „Tante“ Grete – eine echte Gartenfreundin – gab an, dass diese Pflanzen seit Jahren in ihrem Garten wuchsen und dass sie gehört hätte, man könne sie durch Stecklinge vermehren. Aber als Kind bzw. Jugendlicher biss ich da nicht an, denn da konnten mir Blumen nicht groß und prächtig genug sein.

Das Thema „Hornveilchen“ begegnete mir in den 90er Jahren wieder, als ich die Bekanntschaft von Dieter Gaissmayer machte. Er schwärmte von ihnen als zuverlässige, altehrwürdige Gartenschätze. Keine Frage, dass ich sofort diese Pflanzen ausprobieren wollte – die Kindheitserinnerungen an Hermanns und Gretes Garten leuchteten wieder auf. Langlebige Hornveilchen – das hatte etwas. Getreu Dieters Faustregel „Je größer die Blüte der Sorte ist, desto weniger lang hält sie durch“ wurde beherzigt und ich schnappte mir ‘Roem von Aalsmeer’ als Erstes. Volltreffer! Gepflanzt an einen halbschattigen Platz der nie austrocknete entwickelte sie sich hervorragend ohne Nachbarpflanzen zu bedrängen. Das tintendunkle Violett passte eigentlich zu allen Frühlingsnachbarn. Ich fasste Mut und testete weitere Sorten: ‘Milkmaid’ im zartesten Lila, fast Weiß, hatte es mir dabei besonders angetan und auch ‘Boughton Blue’ bewährte sich bestens. Wie voraus gesagt nicht ganz so vital, wenn auch durchaus mehrere Jahre mit nicht allzu nassen Winterphasen dazwischen, haben die schöne ‘Irish Molly’ in einem herrlichen, changierendem Rostbraun mit Gold und die gletscherblaue ‘Dolphin’ durchgehalten. Letztere war die ideale Begleitung des so heiß geliebten Kaukasus-Vergissmeinnicht mit fast weißen Blättern namens ‘Jack Frost’.

Dann machte ich die Bekanntschaft mit einer gewissen Schwarz-Weiß-Malerei. ‘Alba Minor’ besetzte die weißen Felder und ‘Bowles Black’ die schwarzen. Ich hatte bereits gelesen, dass sie sich sehr gut in Gärten halten. Und wenn auch nicht immer die einmal gesetzten Pflanzen das Methusalemalter erreichten, würden sie sich durch Selbstaussaat verbreiten. Meine Schwäche für vagabundierende Pflanzenabkömmlinge im Garten ist vielleicht bereits bekannt, und so wundert es nicht, dass ich schwer begeistert von diesen beiden Streunern bin. Einmal im Garten etabliert, finden sie sich immer wieder an den witzigsten Ecken – gern sogar zwischen Gehweg-Platten oder in Mauerritzen eingeklemmt. Allerdings überdauern sie nur dann den Sommer, wenn sie nicht völlig austrocknen. Doch Samen bilden sie allemal aus, der Fortbestand der Art ist gesichert.

Diese Selbstläufereigenschaft findet sich übrigens, wenn auch längst nicht so ausgeprägt, bei anderen Stiefmütterchen und Hornveilchen. Ganz weit vorne hinsichtlich der Fruchtbarkeit steht aber noch eine andere Art: das Ackerstiefmütterchen (Viola tricolor). Als eine der Stammarten der Gartenstiefmütterchen ist es hierzulande heimisch und wächst gern auch mal wild in frischfeuchten Wiesen und Waldrändern. Natürlich habe ich auch dieses Pflänzlein in meinen aktuellen Garten gesetzt und warte nun darauf, welche Nachkommenschaft sich zeigt. Da sich Stiefmütterchen und Hornveilchen gern miteinander verbinden, liegen neue Farbstellungen im Bereich des Möglichen. Ich verspreche also, nicht allzu pingelig zu jäten und kultiviere somit Vorfreude und Neugier …

Achja – und der Titel dieses Essays ist natürlich reine Sensationsmache. Ich denke im Traum nicht daran, nur das eine oder das andere im Garten zuzulassen. Auch wenn ich den großblumigen Saisonstiefmütterchen eher Pflanzgefäße und die Bodenbedeckung im Schnittrosenbeet überlasse und die Hornveilchen und Ackerstiefmütterchen lieber im Staudenbeet blumig marodieren sollen, möchte ich auf keins von beiden verzichten. Also lautet die Devise: Hornveilchen UND Stiefmütterchen… aber von letzteren freilich nur die allerschönsten… mondgelb, purpurn, vielfarbig oder so, versteht sich.


Text und Fotos: Andreas Barlage