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Spätsommerblüten 1

Der Juli war auch hier im Norden phasenweise zu heiß, aber wir bekamen mit den Gewittern auch genügend Regen. Im Kräutergarten bewirkte das bei vielen Pflanzen noch einmal einen regelrechten Wachstumsschub – freilich profitierten davon auch die nicht überall erwünschten Arten wie jene riesige Königskerze (Verbascum olympicum), die ich zu spät beiseite geschafft hatte: Tausende und abertausende von Jungpflanzen besetzten die Beete und dicht bei dicht auch die Wege, so dass ich mir Hilfe holen musste, um der Invasion Herr zu werden.

Auch dieses Jahr blühen die Königskerzen wieder üppig – ich werde sie rechtzeitig kappen. Gleiches gilt von den Nachtkerzen (Oenothera biennis). Beide zusammen dominieren mit ihren hohen Gestalten und den leuchtend gelben Blüten das eine Wildkräuterbeet, wo sie mit der unverwüstlichen Wiesenskabiose (Knautia arvensis), der Schafgarbe (Achillea millefolium), dem Johanniskraut (Hypericum perforatum) und der Färberkamille (Anthemis tinctoria) sich zu einer hinreißenden Zufallskomposition zusammengetan haben. Nicht nur dem menschlichen Auge tut ein solcher blühender Wildwuchs gut, sondern auch den Bienen, Hummeln, Schmetterlingen und Schwebfliegen. Lange haben sich dieses Jahr die Schmetterlinge rar gemacht – jetzt sind sie da. Der wohltemperierte August hat ihnen offenbar gut getan, ich habe in den letzten Tagen weit über ein Dutzend Arten an den Kräuterblüten gezählt, von Tagpfauenauge und Admiral bis zum selteneren Perlmuttfalter und dem schwirrenden, aus Südeuropa hergewanderten Gamma-Falter.

Fast noch mehr als von den Beeten mit einheimischen Wildkräutern werden die Schmetterlinge von den spät blühenden Mittelmeerkräutern angezogen. Die Lavendel sind, bis auf allerletzte Intermedia-Sorten, verblüht und schon zurückgeschnitten, damit sie vor dem Winter noch einmal durchtreiben und schöne, kompakte Büsche bilden. Aber an den Blüten des Ysop (Hyssopus officinalis) in den drei Farbvarianten blau, rosa und weiß sammeln sich die geflügelten Nektarsauger, und die schönen Bergbohnenkräuter – auch sie in den Blütenfarben weiß, rosa, lila bis violett –  sind nicht weniger verlockend. Das niedrige, zu dichten Polstern sich ausbreitende Zwerg-Bergbohnenkraut mit strahlend violetten Blüten (Satureja montana var. illyrica) verdient es, in jedem Kräutergarten und jedem Steingarten Ehrenplätze zu bekommen, es ist robust, ausdauernd, eine Augenweide und sehr aromatisch.

Und überall im Schotter der "Mittelmeerspange" des Kräutergartens recken jetzt die vielen verschiedenen Oregano-Arten und Sorten ihre teils kompakten, teils filigran verzweigten Blütenstände. Die Insekten scheinen ganz gierig auf deren Nektar zu sein, es ist ein Schwirren und Summen, dass man sich fragt, wo die vielen Bestäuber eigentlich herkommen. Besonders hübsch und zudem würzig ist der Schweizer oder Blumen-Oregano (Orig. laevigatum-Hybride 'Aromatico') mit zarten, hohen Blütenstielen und feinen, rosa- bis lilafarbenen Blüten. Und ganz apart gibt sich der Hopfen-Oregano Orig. vulgare 'Bristol Cross'. Er hat tatsächlich hopfenartig geschuppte, hängende Blütenähren mit lila Einzelblüten. Was das Aroma angeht, bleibt allerdings der klassische, bei uns ein wenig empfindliche Majoran (Origanum majorana) unübertroffen, ein oder zwei Blättchen zaubern den intensiven Geschmack von gut gewürzten Mittelmeer-Gerichten unter den Gaumen. Übrigens: Oregano-Blüten haben ein mindestens so schönes Aroma wie die Blätter! Aber lassen Sie noch etwas stehen für die Hummeln, Bienen und Schmetterlinge…


Text und Fotos: Ludwig Fischer