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Spätsommer oder Frühherbst?

In diesem Jahr scheint die Vegetation wie verwirrt - an der Südwand des Hauses reifen schon die ersten Trauben, im August! Für gewöhnlich ernte ich Ende September oder Anfang Oktober. Im Obstgarten kann ich ausgereifte Äpfel und Birnen pflücken. Der Kirschbaum verliert seine Blätter.

Manche Kräuter ziehen bereits jetzt ein, etwa der großblättrige Meisterwurz (Peucedanum ostruthium), eine früher hoch gelobte Heilpflanze. Auch der wunderbare Nesselkönig (Lamium orvala) oder die Süßdolde (Myrrhis odorata) sind verwelkt, obwohl der Boden genügend Feuchtigkeit gespeichert hat. Der Bergfenchel (Seseli gummiferum) mit seinem aparten, ‚krähenfüßigen’, graublauen Laub - ungewöhnlich großblütiger Doldenblütler, wie der Meisterwurz - nimmt seine gelbe Herbstfärbung an, als ob er sich schon auf den jahreszeitlichen Abschied einstellte, und auch die großblättrigen Johanniskräuter wie das buschige ‚Orange Flair’ (Hypericum androsaemum) mit orangeroten Früchten, ebenso die Sorte ‚Tutsan’ mit noch größeren Blättern und kontrastierenden schwarzen Früchten, stehen im leuchtend roten Herbstkleid da. Der Odermennig (Agrimonia eupatoria) tut es ihnen gleich.
Andere, spät blühende Kräuter halten dagegen, allen voran die Agastachen. Seit Anfang Juli leuchten ihre Blütenkerzen und wirken wie Magnete auf Bienen, Hummeln und Schmetterlinge. Die Blätter der mittel- und nordamerikanischen Arten ergeben minzige (Agastache rugosa - Koreanische Minze) oder nach Anis schmeckende (Agastache foeniculum oder A. anisata - Anis-Ysop) Tees. Inzwischen wird eine Vielzahl von Sorten vor allem von Hybriden mit unterschiedlichen Blütenfarben angeboten, unter denen die dunkel blauviolette ‚Black Adder’ hervorsticht. Sehr dekorativ wirkt eine große Gruppe verschiedenfarbiger Agastachen, von weiß (Agastache rugosa ‚Alabaster’) über lila (Agastache foeniculum) und blau bis violett.

Es gibt aber auch Arten mit sehr großen Einzelblüten, bei denen sich der kerzenartige Blütenstand in Etagen von langen Lippenblüten auflöst, wie bei dem hohen, rot-violett prunkenden Lemon-Ysop (Agastache mexicana ‚Sangria’), der gar kein echter Ysop ist. Diese sich lange haltenden Blüten haben ein sehr intensives, süß-anisiges Aroma, so dass man sie beispielsweise als krönende Würze auf Ananas- oder Mango-Stückchen geben kann.
Auch die vielen verschiedenen Minzen - an die 50 wachsen im Kräuter-Schaugarten - blühen, als ginge sie das jahreszeitliche Verwirrspiel nichts an. Eine der längsten Blütezeiten bietet die wilde Bachminze, sie ist eine der vier Ursprungsarten für die beinahe zahllosen Minzenzüchtungen. Sie hat sich am Teichrand enorm ausgebreitet und hält seit Juni immer wieder neue, kugelige bis längliche, hellblaue Blütenstände hoch. Die Bienen danken es ihr.
Und die späten Allium-Arten, wie der auffällige, auch als Schnitt-Knoblauch nutzbare Allium spec. ‚Iden Croft’ mit seinen hell-violetten Blütenkugeln, setzen ihre Akzente, als könne sie nichts aus dem gewohnten Rhythmus bringen.

Aber unverkennbar bleibt, das viele Pflanzen deutlich früher als sonst in die Herbstphase eintreten. Ob das mit der Vorverlegung der Vegetationsperiode zu tun hat, die wir durch den warmen März und April erlebt haben, ist schwer zu beurteilen. Aber der Kräutergarten wird früher als in anderen Jahren schließen. Bleibt abzuwarten, ob wir einen langen, vielleicht sogar ‚goldenen’ Herbst bekommen oder eine vorgezogene Winterruhe. Vor fünf Jahren hatten wir schon einmal eine sehr früh einsetzende Herbstzeit - also alles noch im ‚grünen Bereich’ der klimatischen Schwankungen?


Text und Fotos: Ludwig Fischer