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Späte Früchte

Jetzt überzog der Raureif zum ersten Mal den Kräutergarten, garnierte die verdorrten Stängel und Blütenstände, die Farnwedel und das Gesträuch, die wintergrünen Mittelmeersträucher, Geranium-Bestände und die grasartigen Blätter des Safran-Krokus (Crocus sativus) mit einem dichten Besatz aus weißen Kristallen. Nächte mit mäßigem Frost.

Da musste ich, solange es trocken und zeitweise auch sonnig war, rasch ernten – und zwar an ,Kräutern’, die man gemeinhin nicht als solche ansieht, an Bäumen und Sträuchern. In den schönen, alten Kräuterbüchern gehören ja auch Obstbäume, Wildbeerensträucher und Gemüse zu den ,Kräutern’: Beinahe alle Pflanzen, die von den Menschen irgendwie genutzt oder mit Bedeutung versehen wurden, galten als Kräuter: Würz-, Heil- und Duftkräuter ebenso wie Frucht tragende Gewächse oder auch die Symbolpflanzen.

Also wandte ich mich der Mispel (Mespilus germanica) in meinem Garten zu, einem breit und sparrig wachsenden, kleineren Baum, der bei mir nach 15 Jahren etwa vier Meter hoch und sechs Meter breit geworden ist. Jedes zweite Jahr trägt er reichlich Früchte – gestern habe ich an die 25 Kilo geerntet.

Kaum jemand kennt hierzulande diesen Baum, dessen Blüten zu den schönsten Obstbaumblüten überhaupt und zu den Frühsommerattraktionen im Kräutergarten gehören – bis zu vier Zentimeter große, weiße, fast wildrosenartige Blüten. Denn die Mispel gehört zu den Rosengewächsen, die Wildform trägt Dornen. Die Kulturformen, meistens auf Weißdorn-Unterlagen gezogen, sind dornenlos. An den Seitentrieben der krumm und ausladend wachsenden Äste setzt der Baum die Früchte an.

Man muss die ersten Frostnächte abwarten, um zu ernten. Erst danach wird das sehr harte Fruchtfleisch mit der Lagerung weich, und man kann aus dem süß-herben Inneren der derbschaligen Früchte schöne Köstlichkeiten bereiten: Mispelmus, das Süßspeisen, Müslis, Milchreis und anderes mit einem markanten Aroma versieht; oder Mispelbrot, das wie Quittenbrot aus einem angetrockneten, festen Brei entsteht; oder aparte Mispelliköre, oder sogar Mispelkonfekt! Im Internet findet sich eine Fülle spannender Rezepte mit Mispelfrüchten, und der berühmte Wildkräuter-Koch Jean-Marie Dumaine aus Sinzig bei Bonn schreibt in seinem Buch ,Meine Wildpflanzen-Küche’ zum Beispiel von einem “süßen Mispel-Kartoffel-Soufflé”.

Früher wurde die Mispel in Mittel- und Südeuropa als Obstbaum viel angebaut, Karl der Große erwähnt sie in seinem ,Capitulare villis’. Heute ist die Mispel – die große, lanzettliche Blätter mit schöner Herbstfärbung trägt – wiederzuentdecken. Nicht zu verwechseln ist sie mit der ähnlichen, aber frostempfindlichen und in Südeuropa kultivierten Japanischen Wollmispel (Eriobotrya japonica), deren gelbe Früchte säuerlich schmecken und als ,Loquats’ bei uns angeboten werden.

Vor einer Woche kam ich vom ,Illertisser Forum für Garten und Landschaft’ zurück, wo unter dem Thema ,Der nutzbare Garten – die essbare Stadt’ auch Klaus Körber von der Bayerischen Landesanstalt für Wein und Gartenbau in Veitshöchheim über Beerensträucher und Wildobst referiert hatte. Die Mispel durfte in seinem Vortrag nicht fehlen.

Auch zum Kräutergarten gehören selbstverständlich Wildrosen, so unsere einheimische Hundsrose (Rosa canina). Ihre Hagebutten, aus denen in etwas mühevoller Arbeit die echte Hagebutten-Marmelade hergestellt werden kann, müssen jetzt auch schleunigst geerntet werden – wenn man sie nicht als wunderbaren Winterschmuck an den Sträuchern lassen will.

Der Kräutergarten bietet eben mehr als nur Stauden und mediterrane Zwergsträucher. Was als ein ,Kraut’ gelten darf, entscheidet man selbst, indem man nutzt, was eine Pflanze bietet…


Text und Fotos: Ludwig Fischer