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Silbriger Herbst

Zwar kann die Sonne an manchen Tagen noch spätsommerlich wärmen – vorhin habe ich den Wein an der Südwand des Hauses geerntet -, aber morgens ist es schon kalt: drei Grad heute früh.

Insgesamt war der September nass und kühl. Der Kräutergarten bietet letzte Schönheiten des Jahreszyklus auf, darunter die Artemisien, die einen Übergangsbereich zwischen der "Küchenzeile" und dem "Lavendelbogen" bilden. Estragon Artemisia dracunculus, in der französischen, zarteren, und der deutschen, kräftigeren Variante, Wermut Artemisia absinthium und Beifuß Artemisia vulgaris sind dicht an das lange, schmale Beet mit den gängigen Küchenkräutern gerückt. Sie gehören ja zum unerlässlichen Bestand der Würzkräuter. Zugleich leiten sie über zu den vielen anderen Artemisien, die einen Streifen entlang des gebogenen Wegs am Kalkschotter-Hügel mit den Lavendelbeständen bilden. Denn nicht nur gibt es sehr schöne, fein würzende Artemisien aus dem Mittelmeer-Bereich wie den grazilen Römischen Wermut Artemisia pontica, der viel milder schmeckt als unser einheimischer – aber auch ein behender "Dauerläufer" ist wie viele Artemisien: Wenn man ihn nicht mit einer Wurzelsperre eindämmt, kriechen seine Rhizome überall hin. Eine ganze Reihe unterschiedlicher Artemisien haben ein silbriges oder fast weißes Laub und passen daher sehr gut zu Lavendel.

Ein leuchtendes Silberlaub bietet die Silberraute Artemisia ludoviciana 'Valerie Finnis' mit großen, tief eingeschnittenen Blättern. Auch sie steht bei mir in einem eingesenkten Maurerkübel. Sie hebt sich schön von dem dunkleren Hintergrund von Beifuß und Türkischer Rauke ab. Ich habe ihr eine aparte Distel zugesellt: Kleiner Mannstreu Eryngium planum 'Blauer Zwerg' – die ganze Pflanze ist, bis auf den Blattschopf am Boden, leuchtend blau, mit vielen kleinen, kugeligen Blütenköpfen. Besonders Wespen lockt sie magisch an.

Der Silberstreifen zieht sich weiter mit einem dichten, flächigen Bestand der Polster-Filzraute Artemisia stelleriana 'Mori'. Sie ist, mit ihren weiß-silbrigen, gelappten Blättern, ein äußert attraktiver Bodendecker, allerdings ein wenig empfindlich gegen viel Nässe im Winter. Kombiniert habe ich diesen auffälligen Teppich mit der hohen, verzweigten Elfenraute Artemisia lactiflora 'Guizho', deren cremeweiße Blütenköpfchen effektvoll mit den dunklen, rötlichen Stängeln kontrastieren.
Unweit steht die hellere, buschige Variante 'Elfenbein', die gar nicht aufhören will, über und über zu blühen. Und natürlich gehört auch das Moxakraut (A. douglasiana) zu meinem Artemisiengürtel, eines der wichtigsten Räucherkräuter.

Jetzt im Herbst, da die Blütenpracht des Kräutergartens rasch abnimmt, bildet das Artemisien-Areal einen weithin leuchtenden Blickfang, versilbert regelrecht auch trübe Tage. Und dass viele Artemisien so spät blühen, mit einer unerhörten Fülle der kleinen, knopfartigen Blüten, macht sie umso mehr zu meinen Herbstlieblingen.


Text und Fotos: Ludwig Fischer