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Silbriger Herbst

Die Herbstfarben leuchten in diesem Jahr besonders intensiv und ungewöhnlich lange. Immer noch steht die Birke, die im Kräutergarten über Süßdolde, Bärwurz, Fingerhut, Mähdesüß und Akelei Schatten spendend hochwachsen durfte, in einem geradezu feurigen Gelb und Orange. Und aus den Gärten der Nachbarn fackeln hellrot die Ahorne, Kastanien und Hainbuchen herüber, von den Wegsäumen in der Landschaft die Pappeln und Wieden.
Im Kräutergarten selbst sind nur noch letzte Blätter bunt gefärbt, so vom Odermennig (Agrimonia eupatoria) oder vom Schnittsellerie (Apium graveolens var. secalinum). Und allerletzte Blüten entdecke ich bei den Skabiosen (Knautia arvensis) und bei der Wilden Malve (Malva sylvestris).

Für die Ästhetik unserer Staudengärten leiten uns ja meistens zwei Eigenschaften der Pflanzenerscheinungen: die Wuchsform und die Blüte. Nur für besondere Gartenpartien setzen wir auch auf Gestalt und Farbe der Blätter. Jetzt im Spätherbst werden manche Teile des Kräutergarten für eine Weile zu ’silbernen Gärten':  Das silbrige Laub einer ganzen Reihe von Kräutern fällt besonders ins Auge, weil fast überall sonst die Blätter verdorrt und verweht sind.

Am stärksten dominiert der Silberton im Mittelmeerbereich: An den vielen Lavendelsträuchern glänzt in der Herbstsonne das silbrige Laub auf, besonders intensiv an den Intermedia-Kreuzungen, etwa L. x intermedia 'Edelweiß', 'Grosso' oder 'Fragrant Memories' oder dem sehr wüchsigen 'Dutch'. Freilich sind diese silberlaubigen Kreuzungen etwas empfindlicher als die meisten Angustifolia-Sorten, aber viele haben sich bei mir auch in dem abnormen letzten Winter gut gehalten.

Starke Silbertöne hat auch das Heiligenkraut (Santolina chamaecyparissus) zu bieten, besonders bei seiner kompakten, dicht belaubten Sorte. Und natürlich treten auch die hellblättrigen Salbei-Varianten hervor, so der Nevada-Salbei (S. nevadensis) und, sehr auffällig, der Gartensalbei 'Nazaret' (S. officinalis 'Nazaret'), eine etwas zimperliche, aber mit weiß-silbrigem Laub attraktive Variante.

Und selbst manche einheimischen, zweijährigen Stauden kehren jetzt einen Hauch von Silber an ihren Blättern hervor, am markantesten eine auffällige Königskerze (Verbascum bombyciferum 'Polarsommer'), deren große, filzige Blattrosette zwar nun ein bisschen schlapp aussieht, dennoch den ganzen Winter über ihre silbrige Erscheinung behaupten wird.

Am meisten des leuchtenden Silbertons zeigen aber noch einige Artemisien, so – der Name sagt es – die Silberraute (A. lactiflora 'Silver Queen' und 'Valerie Finnis') und die grundständigen, nachgetriebenen Blätter des Silbrigen Gartenwermuts (A. absinthium 'Lambrook Mist'), eine schöne, nicht so stark versamende Alternative zum gewöhnlichen Wermut. Silbrig gibt sich auch noch der Römische Wermut (A. pontica), eine sehr aromatische, zierliche Art, die allerdings – wie manche Artemisien – stark wuchert. Das flächendeckende, leuchtende Laub der Polster-Filzraute (A. stelleriana 'Mori'), das allein ganze Partien in einen Silbergarten verwandeln kann, wird jetzt ein wenig unansehnlich, hält sich aber tapfer.

Teile des Mittelmeerbereichs werde ich mit Gärtner-Vlies abdecken, wenn die ersten stärkeren Fröste sich ankündigen, dann verschwindet viel vom silbrigen Zauber. Aber hier im Norden ist der Winter noch nicht so richtig in Sicht, und ich freue mich nicht nur am flammend gefärbten Laub der Bäume, sondern auch am Silberton in meinem Kräutergarten.


Text und Fotos: Ludwig Fischer