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Schwertlilien von der Autobahn

„Wenn Du das tust, sind wir geschiedene Leute!“, drohte sie ihrem Ehemann. Der machte sich gerade daran, mit einem Werkzeug, das ihm dafür geeignet schien, Schwertlilien auszugraben, die an einer Autobahnböschung irgendwo in Italien wuchsen.
Wohl wissend, dass sie diese Drohung niemals wahrmachen würde, ließ er sich von seinem Vorhaben nicht abhalten, grub zwei, drei winzige Ableger aus, wickelte sie in eine alte Zeitung ein und verstaute sie im Kofferraum.

Ich nenne sie mal Paul und Pauline: Sie waren ein glückliches Paar, Paul Anfang Sechzig, Pauline Mitte Fünfzig. Der Sündenfall an der Autobahnböschung, wie sie ihn später nannte, ereignete sich auf der Rückreise von einem Urlaub in der Toskana. Dort hatten die beiden an irgendeinem Autobahnparkplatz Rast gemacht. An der angrenzenden Böschung blühten himmelblau unzählige Schwertlilien – und Paul (und insgeheim auch Pauline) konnte der Versuchung nicht widerstehen.

Wenige Jahre später starb Paul an einer schweren Krankheit. Und so wurden die himmelblauen Iris für Pauline ein lebendes Andenken an ihn. Einmal, als ich Pauline besuchte, erzählte sie mir die Geschichte von den Iris aus der Toskana und grub mir ebenfalls ein paar winzige Ableger der inzwischen in ihrem Garten zu üppigen Horsten herangewachsenen Schwertlilien aus. Die haben sich auch in meinem Garten reichlich vermehrt. Ich habe sie auch schon mehrmals wieder aufgenommen, die jungen Enden der Rhizome abgetrennt und neu gepflanzt. Sie blühen von Jahr zu Jahr prächtiger.

Vor einigen Jahren ist auch Pauline gestorben. Und so wurden diese Iris auch zum lebenden Andenken an sie und an Paul. Den Namen der Sorte kenne ich nicht. Aber jedes Mal, wenn ich diese herrlich blau blühenden Schwertlilien betrachte, ihren betörenden Duft einatme, muss ich an Paul und Pauline denken und an die Herkunft dieser Iris.


Text und Fotos: Wolfram Franke