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Schneeweißchen, Rosenrot … und Goldmarie?

Haben Sie eine Lieblingsfarbe bei Blumen? Also eine, die Sie bevorzugen, wenn Sie die Wahl unter verschiedenen Farben hätten? Mir geht es so, wenn ich meine, dass eine Farbe den Charakter einer Blume ideal hervorhebt. Vielleicht, weil es die Ausgangsfarbe ist, ehe eine Pflanzengattung weiter gezüchtet wurde – sozusagen nach dem intuitiven Motto: „back to the root-colour“. Bei Narzissen beispielsweise fremdele ich mit anderen Farben als Weiß und Gelb und überlasse gern anderen Prachtzwiebeln, etwa Tulpen oder Hyazinthen, das gesamte Farbspektrum. Rittersporne pflanze ich, gerade weil sie in ihren „Hausfarben“ blau und violett so unschlagbar funkeln. Und ich finde, dass Magnolien ihre Leichtigkeit verlieren, wenn sie dunklere Blüten haben als einen mittleren Rosaton.

Und bei meinen geliebten Rosen? Die gibt es ja immerhin in fast allen Farben außer Blau. Welches sind eigentlich die „wahren“ Rosenfarben?

In unserem Kulturkreis sind die klassischen Rosenfarben Weiß und das so genannte Rosenrot, auch wenn das ein klein wenig in Vergessenheit geraten ist. Ich erinnere mich dabei lebhaft an eine Diskussion unter Floristen, was unter Rosenrot eigentlich zu verstehen sei. Viele beharrten darauf, dass es sich um das dunkle, warme Rot der legendären ‘Baccara‘ handeln müsse.

Aber das ist, nach einem Blick in die Historie, eine sehr moderne Auffassung von „Rosenrot“. Denn das von europäischen Dichtern und Denkern aller Epochen gerühmte Rosenrot ist ein eher kühler Rotton. Die Erklärung: Zinnober- bis orangene Rottöne sowie Gelb fanden erst durch die Einfuhr asiatischer Rosenarten Eingang ins Sortiment. Sie tauchen also erst etwa seit dem 19. Jahrhundert in den Züchtungen auf. Vorher war das Rot der Rose das, was wir heute eher als Purpur bezeichnen – und dies in einer beachtlichen Spannbreite mit fließendem Übergang zu Rosa. So ist eine der wichtigsten Urmütter der heutigen Gartenrosen, die Rosa gallica, nach unseren Begriffen rosa gefärbt. Bei ihrer relativ hoch wachsenden Selektion Rosa gallica ‘Complicata‘ ist dieser Farbton ein wenig intensiver. In „wahrem“ Rosenrot erstrahlen die Blütenblätter der halb gefüllten, seit dem Mittelalter berühmten Apotheker-Rose Rosa gallica ’Officinalis ‘. Zu einem sehr tiefen, wein- bis violettroten Ton verdichten sich die Farbpigmente bei der locker gefüllten Samt-Rose Rosa gallica ‘Tuscany‘, deren Schönheit seit Jahrhunderten fasziniert.

Sehr interessant ist, dass der Begriff „Rot“ offenbar nicht scharf von der Farbbezeichnung „Rosa“ abgegrenzt war. Tatsächlich leitet sich das Wort „Rosa“ von der Rosenfarbe ab – eben jenem „Rosenrot“, das zu „Rosarot“ wurde und sich im verkürzten „Rosa“ abschliff. Inwieweit unsere Altvorderen einen zarten Farbton anders benannt haben und vor allem, wo sie die Grenze setzten, darüber können wir heute nur spekulieren.

Ich vermute, dass es sich hier ähnlich verhalten hat wie im Chinesischen. Auch dort umfasst „Rot“ eine große Bandbreite an Nuancen, die noch deutlich weiter reicht als im europäischem Farbempfinden. Sogar Kombinationen warmer Rottöne mit kühlem Rosa werden offensichtlich nicht als heikel empfunden – wie viele Stoffe, Malereien oder Porzellane beweisen.

In unserem Kulturkreis grenzten wir Farbnuancen, also Aufhellungen des Volltons Rot, sprachlich früher oder später ab. Erstaunlicherweise gilt das nur für diese Grundfarbe. Bei Gelb kennen wir keine spezielle Unterscheidung zwischen einem zarten oder satten Gelb. Wir behalten den Begriff „Gelb“ bei und differenzieren durch beschreibende Adjektive– etwa „cremegelb“, „primelgelb“, „goldgelb“ oder „orangegelb“. Gleiches gilt für die Farbenfamilie Blau, die auch im Deutschen bekannte Bezeichnung „bleu“ für ein aufgehelltes Blau ist nicht allgemein gebräuchlich.

Weiße bis purpurfarbene Rosen haben sich gewissermaßen einen ursprünglichen Charakter bewahrt. Er vermittelt, bewusst oder unbewusst, dass diese Rosen sich die natürliche Vitalität der europäischen Rosen-Ahnen bewahrt haben – egal, was sich tatsächlich im Stammbaum der einen oder anderen Sorte findet. Ganz falsch liegt man damit nicht. Im Schnitt zeigen sich Rosen in dieser Farbenskala quer durch alle Rosenklassen besonders gesund und wuchsfreudig. Ein Experte kommentierte etwa die auch aus diesem Grunde verbreitete rosarote, 1993 in den Markt gebrachte ’Leonardo da Vinci’ mit den Worten: „In der Farbe ist das nicht das allergrößte Kunststück, auch gute Moderne Rosen zu züchten.“

Schaut man sich im Sortiment älterer Rosen um, wird das Bild noch klarer. Ausgesprochen wuchsfreudig und widerstandsfähig gegenüber Krankheiten sind beispielsweise die himmelsstürmenden Rambler mit ihren langen geschmeidigen Trieben. Oft sind sie weiß – ein Erbteil etwa der auch hierzulande unverwüstlichen asiatischen Rosa helenae. Es ist gestaltet sich immer noch schwierig, vergleichbare rosafarbene oder rote (purpurnen!) Sorten zu züchten. Doch es gibt wundervolle Ausnahmen. Ich denke da an ’Maria Lisa’, die durch ihre leuchtend rosaroten einfachen Blüten mit weißem Auge bezaubert. Oder an das charmante ’Taunusblümchen’ mit seinen locker gefüllten Blüten in einem Ton, den wir als violett schattiertes Rosa bezeichnen würden. Beide Sorten duften gut, schaffen es, Bäume zu erklimmen und blühen einmal überreich und sehr lange im Frühsommer. ’Taunusblümchen’ erfreut zudem mit einer schwachen Nachblüte. Winterhart sind sie beide.

Mit einem guten Meter bleibt beispielsweise die dauerblühende ’Comte de Chambord’, auch bekannt als ’Madame Boll’, deutlich niedriger. Ihr Duft ist ebenso außergewöhnlich wie ihre Winterhärte, und die Blütenform lässt sich trotz der sehr schlanken, hohen Knospen als Inbegriff gefüllter Alten Rosen beschreiben. Mit ihrem frischen Rosa (dem einstigen Rosarot?) bereichert sie das Farbspektrum der genannten kletternden Sorten kongenial. Ein Dauerbrenner hinsichtlich Blütezeit und Gärtnergunst ist die bis 150 Zentimeter hohe ’Ballerina’. Ihre Überfülle an Blüten ist spektakulär.

So viel Rosa und Purpur braucht farbliche Gegenspieler. Weiß, das ja auch eine „Vitalfarbe“ vieler Wildrosen ist, kommt hier wie gerufen. Es puffert nicht nur benachbarte Farben ab, sondern lässt unterschiedliche Nuancen stärker hervortreten und bringt die rosenroten Töne zum Strahlen. Zwischen zartem Rosa und Weiß schimmern die gefüllten, gut duftenden Blüten der vorzüglichen ’Stanwell Perpetual’ die frei stehend leicht zwei Meter hoch wird und die ganze Saison hindurch blüht. Eine Idealbesetzung für fast alle offenen, sonnigen Beete, egal ob Rosengarten oder Mixed-Border, ist gewiss ’Sally Holmes’. Sie bringt den unermüdlich wahre Massen an großen, zart duftenden, milchweißen Blüten hervor. Ihre Höhe zwischen 120 und 180 Zentimetern und die einfachen Blütenschalen machen sie zum Universaltalent. In allen Pflanzenteilen sehr viel zierlicher bleibt die ebenfalls dauerblühende ’Sternenflor’ mit ihrem intensiven Honigduft.

Wer den Purpur-Rosa-Nuancen eine höher wachsende Rose zugesellen will, um deren Farben brillieren zu lassen, kann außer entsprechenden Wildarten wie Rosa helenae den Rosa multiflora-Abkömmling ’Goldfinch’ in Betracht ziehen. Sein charakteristischer Zauber liegt im Detail, genauer gesagt in der Farbe ihrer Knospen. Die sind nämlich buttergelb. Da sie sich beim Aufblühen zu einem Cremeton aufhellen, bleibt die Farbkombination subtil und wird niemals plakativ. Was für ein wundervoller Kontrast zu den „Rosarot“-Farben!

Aber die Rosenfamilie bietet noch mehr. Es gibt sogar äußerst robuste Arten aus Fernost, die sehr früh im Jahr blühen. Hier verblüfft vor allem die Chinesische Goldrose Rosa hugonis. Ihre Blüten öffnen sich zeitgleich mit vielen Frühlingszwiebelblumen. Alle Gartenfreunde, die nun eine „Farbkarambolage“ von Rosenrot mit sattem Gelb der Narzissen oder dem Signalrot später Tulpen befürchten, können sich beruhigen. Das exotische aber robuste Rosenjuwel aus dem Land des Lächelns erstrahlt in einem wunderschönen Butterblumengelb und fügt sich so nahtlos in jede Frühlingsszenerie ein. Und vor allem: Es verkürzt das Warten auf die Hauptblütezeit der „Königin der Gärten“.

Rosen kann man nie genug haben … und nicht früh genug!


Text und Fotos: Andreas Barlage