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Schneeglöckchen und Märzenbecher

Vor der großen Kältewelle, Mitte Januar, blühten, man mochte es kaum glauben, die ersten Schneeglöckchen. Es waren ausgerechnet jene, die in der Türkei zu Hause sind, Galanthus elwesii. Zu der Zeit haben die heimischen nur zaghaft die ersten grünen Spitzen gezeigt. Dann kam die große Kälte und seit nun ca. 10 Tagen kämpfen sich Schneeglöckchen und Märzenbecher durch den allmählich auftauenden Boden. Beide Arten wurden hier im noch jungfräulichen Garten 1985 angesiedelt.

Die Märzenbecher kamen in den Vollschatten einer benachbarten Garage. Sie stehen genau an derselben Stelle, die im übrigen Jahr der Waldgeißbart, Aruncus dioicus breit ausfüllt. Vor einer Woche wurden die alten Geißbartstiele geschnitten, die über Winter noch sehr dekorativ aussahen. Nun sind sie wieder da, die Märzenbecher, die Frühlingsknotenblumen, die Frühlingsglöckchen und wie sie sonst noch getauft wurden. Botanisch werden sie Leucojum vernum genannt, was eigentlich “weißes Veilchen des Frühlings” heißt. Was mir besonders gefällt: sie vermehren sich an diesem  Standort nicht nur vegetativ, was man an den immer dicker werdenden Horsten feststellen kann. Hier vermehren sie sich auch durch Samen. Ablesbar an den vielen Einzelpflänzchen. Leucojum wollen es feucht und halbschattig, dann funktioniert das. Keine 2000 m entfernt von unserem Garten stehen sie in großen Mengen in einem Auwald. Später werden sie durch Bärlauch, Allium ursinum abgelöst, noch später durch Giersch, der dann den vergangenen Frühling mit weißen Doldenblüten überdeckt.

Ganz vereinzelt kommen in diesem Auwald auch Schneeglöckchen, Galanthus nivalis vor. Doch drängt sich bei ihnen der Verdacht auf, dass sie irgendjemand mal dort ausgesetzt hat. Sie zeigen jedenfalls keine Ambitionen, sich zu vermehren. Das ist im Eresinger Garten ganz anders. Dort stehen sie zu Füßen einer Hainbuchenhecke, im Sommer beschattet durch den Apfelbaum. Und wie sie sich dort vermehren, vegetativ und durch Samen! Sie wollen es etwas trockener und sonniger als die Märzenbecher. Zu ihrer Verbreitung tragen auch wir bei. Sind dicke Horte am Verblühen, dann werden sie aufgenommen, in viele Teile zerlegt und woanders wieder eingepflanzt. Das ist die sicherste und eleganteste Methode, Schneeglöckchen, aber auch Märzenbecher zu vermehren.

Eine sehr schöne Schneeglöckchenart sei noch erwähnt. Wir bekamen sie vor 30 Jahren geschenkt. Es handelt sich um Galanthus ikariae ssp. latifolius. Wir haben es seiner Herkunft wegen immer Kaukasusschneeglöckchen genannt. Es hat im Gegensatz zur heimischen Art dunkelgrüne breite Blätter und größere Blüten. Leider ist es noch nicht gelungen, dies Schneeglöckchen zur Samenbildung anzuregen. Der passende Standort muss offenbar erst gefunden werden. Aber, es lässt sich gut teilen.
Zu guter Letzt noch ein Wort zum Duft. Schneeglöckchen duften. Freilich etwas zart und zurückhaltend, blumig frisch. Auch ist es etwas umständlich, die Nase tief genug einzutauchen, ohne nasse Knie und Hosen zu bekommen. Ein trockenes Brett muss da Abhilfe schaffen. Will man eine stärkere Dosis Frühlingsduft genießen, dann muss man sich an die Winterlinge, Eranthis hyemalis wenden. Richtig üppig duften die aber auch erst an warmen Tagen, wenn auch die Bienen fliegen.


Text und Fotos: Christian Seiffert