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Schlüsselblumen

Fällt das Wort “Primel“, denken die meisten Zeitgenossen an die knallbunt blühenden pflanzlichen Frühlingsfarbkleckse, die zwischen Dezember und April in allen nur denkbaren Verkaufsstellen angeboten werden. Die Tatsache, dass viele von ihnen winterhart sind, führte (auch bei mir) jahrelang dazu, dass sie früher oder später als Verlegenheitslösung im Garten landeten und dort offen gestanden ihr Unwesen trieben. Gärtner verkauften seit jeher stolz Ware, deren Blüten groß wie ein 5-DM-Stück waren und unter deren Blütenkuppel das Laub fast verschwunden war. Zwar ließ die Blütengröße ein wenig nach, wenn die Pflanze ein, zwei Jahre im rauen Freiland wuchsen, die Blütenfülle war jedoch besonders bei den blau, rot und gelb blühenden Sorten gar nicht mal schlecht.

Doch ich muss zugeben, dass sie mir zu den meist zarten, lieblich blühenden anderen Frühlingsblumen des Gartens viel zu plakativ waren. Nicht einmal zu großen Narzissen und Kaiserkronen mochte ich sie leiden. Und da meine ersten Gartenerfahrungen auf sandigem Boden fußten, erledigte sich der gestalterische Knalleffekt meist im Sommer von selbst. Sie gingen in der Juli-Trockenheit ein wie die sprichwörtlichen Primeln. Das Thema lag ad acta.
Als ich in der Schwabenmetropole Stuttgart, genauer gesagt in Filderstadt einen Garten auf eher lehmigen Boden übernahm, standen die Karten für Primeln gar nicht mal schlecht. Im ersten Frühjahr erlebte ich dort, dass die Kissenprimeln deutlich kleiner wuchsen und sogar hier und da inmitten eines nicht gerade englischen, sondern entzückend schwäbischen Rasen fröhlich in allen Farben blinkten. Das Farbenspiel war hinreißend; verwaschen wirkende Melangen aus Rosa und Gelb wechselten sich mit den Klassikern Gelb, Blau und Rot ab. Ich war schwer beeindruckt! Im eigenen Gärtlein fehlte mir die Rasenfläche und so entschied ich mich, mit Kissenprimeln in Sorten einen Versuch zu starten.

Mir fielen gleich die Sorten ‘Perle von Bottrop’ in violettblau und ‘Wanda‘ in purpur auf, die im Vergleich zu den Kaufhaussorten kleineres Laub und kleinere Blüten haben, aber dafür sehr hübsche Blütenteppiche bilden, die sich an einem nicht allzu trockenen Standort ausgesprochen gut ausbreiten. Einmal auf die Primel aufmerksam geworden, sah ich mich mal um im Sortiment und erlebte reichlich Überraschung – und zwar der angenehmen Art. Als erstes wollte ich unbedingt die “echten” Schlüsselblumen haben und war erst einmal verwirrt, weil die Beschreibungen auf zwei Namen hinaus liefen: Primula veris und Primula officinalis.

Die erste lief unter “Himmelsschlüssel” bzw. “Schlüsselblume” und die andere auf “Apothekerprimel”. Botaniker die für die Namensgebung der Pflanzen zuständig sind, liefern allerdings immer wieder dem interessierten Gartenvolk gute Gründe zur Verzweiflung, denn so mancher sicher geglaubter Name gerät immer wieder mal in die Diskussion und wird ersetzt, oder gleich ganz fallen gelassen. Meist sind neuere Forschungsergebnisse über die Verwandtschaftsverhältnisse von Pflanzen der Grund dazu. Im neuesten “Zander”, dem maßgeblichen Nachschlagewerk für alle, die die Namen der Pflanzen ganz genau wissen wollen, steht jedenfalls geschrieben, dass es Primula officinalis nun nicht mehr gibt und die damit früher angesprochenen Pflanzen unter Primula veris als Unterart ssp. veris eingemeindet wurde. Den Pflanzen selbst ist das natürlich egal, und ich muss zugeben, dass ich den Unterschied dieser ehemals zwei Arten sowieso nie ganz erkannt habe. Sei es drum; die Himmelsschlüssel zogen also einst in den Garten nahe den Fildern ein und vertrugen sich vorzüglich mit rot blühenden Lenzrosen, dunkel violetten Krokussen und Engelstränennarzissen. Überflüssig zu sagen, dass die Schlüsselblumen im zarten Gelb erglänzten, das nicht nur ich gern als “Primelgelb” bezeichne. Etwas mehr Farbe brachten die sehr ähnlichen Hohen Schlüsselblumen Primula elatior ins Geschehen. Eines schönen Tages entdeckte ich die Selektionen ‘Gold-Laced‘.

Ich erwischte eine braun blühende Sorte, die eine gelbe Mitte hatte und den für die Selektion typischen weißen Rand hatte. Sie sah so schön aus neben den Wurzelstubben von abgesägten maroden Obstbäumen, der bereits von Farnen begleitet wurde. Na, und dann kamen mir noch die gefüllten Kissenprimelsorten in die Hände, die es ja mittlerweile in jedem Blumenladen gibt, vor über zehn Jahren aber noch eine gewisse Sensation darstellten. Es handelt sich um alte Züchtungen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie gerieten durch Virusbefall ins Hintertreffen und erwiesen sich als kaum noch lebensfähig. Es ist durch spezialisierte Vermehrungsarten gelungen, sie virusfrei zu bekommen und so erstrahlten sie neu im alten Glanz. Besonders angetan hatte es mir ‘Miss Indigo’, deren violettblaue Blütenblätter einen schmalen weißen Saum hatten der die Füllung der Blüten eindrucksvoll betont. Trotz der dichten Blütenköpfe sind diese Primeln erstaunlich wetterfest. Schade, dass ich den Fildergarten jemand anderes überlassen musste; hier primelte es bisher am besten.

Ein Umzug stand wieder einmal an. Diesmal ging es an die Ausläufer des Weserberglandes. Der Garten hatte eine malerische Hanglage, die in drei großen Terrassenebenen abgefangen wurde und der Boden war lehmig und mergelig. Hier begann meine Affäre mit den Aurikeln. Primula x pubescens nennen Botaniker sie ziemlich einstimmig. Diese Primeln zeigen sich wieder in einem ganz anderen Gewand: Die Blätter sind glatt, hellgrün und fast fleischig. Sie vertragen mehr Sonne als die meisten ihrer Primelschwestern, der Boden sollte zwar durchlässig aber nicht wirklich staubtrocken sein. Die Blütenform ist ziemlich “primelig”, doch die Textur der Blütenblätter verleiht besonders den dunkel blühenden Pflanzen einen samtigen Glanz. Und die Farbenpalette scheint unbegrenzt. Im viktorianischen Zeitalter waren diese Aurikeln begehrte Sammlerstücke und entzückten die Ladies der Gesellschaft und ihre talentierten Gärtner. Viele Sorten waren nämlich heikel in der Pflege. Kein Wunder, denn Aurikeln waren einst reichlich überzüchtet um die begehrten grünen, beringten oder indigoblauen Blüten hervor zu bringen. Mit solchen Diven wollte ich um keinen Preis zu tun haben! So verfolgte ich zwei Strategien: Ich bettelte eine Nachbarin an, die Aurikeln in rauen Mengen im Garten hatte und ich besorgte mir aus einer Gärtnerei einen fröhlich vielfarbigen Aurikelmix, so nach dem Motto: “Die, die durchkommen haben sich den Gartenplatz verdient.” Die Rechnung ging auf: Die sieben Pflanzen aus Nachbars Garten gediehen prachtvoll und von dem gekauften Dutzend schlugen sich ebenfalls sieben Pflanzen durch. Einmal eingewöhnt, vermehrten sie sich fröhlich weiter und warteten hier und da mit neuen Farbkombinationen auf. Ich habe keine Ahnung, ob ich eine Dame der englischen Gesellschaft mit meinem Prunkstück (… es hatte eine ochsenblutrote Farbe und ein dunkler Ring grenzte die tiefe, schimmernde Farbe ab vom weißen Blütenzentrum …) hätte beeindrucken können… aber ich kam mir vor, wie ein kleiner Gartenheld.

An den neuen Gartenufern versuchte ich es mit einer weiteren Primelart. Ich hatte nämlich davon gehört, dass einige Sorten nach den üblichen Primelzeiten, also März bis Mai, blühen. Mein leuchtendes Auge traf Sorten von Primula x bullesiana. Gewitzte Gartenkenner wissen schon, dass das “x” zwischen dem Gattungs- und Artnamen auf eine Kreuzung zweier Arten hinweist; in diesem Falle haben sich Primula beesiana und Primula bulleyana zusammengetan. Das Beste der beiden Elternarten kam nun zusammen und es entstanden Primeln, deren Blütenstiele gut 40 cm, gelegentlich noch mehr, aufstreben und in mehreren quirlförmigen Etagen Blüten von nahezu jeder denkbaren Farbe anordnen. Die Blütezeit fällt in den Mai und zieht sich gut und gerne vier bis sechs Wochen hin. Besonders angetan haben es mir dabei die oft entstehenden Farbmischungen bei denen gerade die orangegelben Töne wundervoll zu den violetten und purpurnen Schlägen stehen. Sie funkeln im Halbschatten zwischen Farnen und Funkien am besten.

Eigentlich war ich nun mit dem Thema “Primel” voll und ganz zufrieden. Aber wie das so ist – man wird ja immer wieder auf Neues aufmerksam. So traute ich meinen Augen kaum, als ich die sehr elegante weiß blühende japanische Doldenprimel Primula sieboldii ‘Queen of Whites’ das erste Mal zu sehen bekam.
Vollendet schön mit fein gefransten Blütenblättern; gerade einmal 20 cm hoch und ungemein ausdrucksstark. Leider ist sie nicht nur für meine Blicke, sondern auch für Schnecken ein Magnet; dafür sät sie sich erfreulich gut moderat selbst aus und verbreitet sich hinreichend sortenecht. Nun muss ich mir wieder einmal etwas ausdenken, wie ich die Schnecken von den Beeten ohne Chemieeinsatz von den Beeten fern halte.

Dass Primeln mir mal solche Aufgaben stellen würden, hätte ich nie gedacht. Aber ich habe im Gegenzug die Phase der Kaufhausprimeln nun auch schon lange überwunden. Buchen wir das also altersmilde ab unter “Jugendsünden”.


Text und Fotos: Andreas Barlage