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Samen, Saatgut etc.

Teil 2: Das Samenkorn

Die generative Vermehrung der Pflanzen, also durch Samen, ist dazu bestimmt, den Fluss des Lebens aufrecht zu erhalten. Nur ständig neue Genkombinationen ermöglichen eine Anpassung an die sich verändernden Umweltbedingungen. Auch dient der Samen der Mobilität der ja an einen Standort fixierten Pflanze. Bewegte Luft, fließendes Wasser, aktiver oder passiver Transport, durch Tiere, z.B. Kletten im Fell, bringen den Samen über weite Strecken an neue Standorte. Doch ist das schnell genug? Wohl kaum. Es ist errechnet worden, dass Pflanzen pro Tag 9 m wandern müssten, um dem Klimawandel ausweichen zu können!

Für viele Tiere ist der Samen begehrtes Futter. Denn neben dem Embryo besteht die Masse des Samenkornes aus Stärke, Fetten, Aminosäuren, Vitaminen und Enzymen, alles Stoffe, die im trockenen Samen lange haltbar sind, aber nach dem Quellen des Samenkornes dem Keimling als Nahrung zur Verfügung stehen, so lange, bis die junge Pflanze sich durch Assimilation selbst versorgen kann.

Die ersten Samen, die der Mensch in seiner Frühzeit verzehrte, waren vermutlich Nüsse. Gelegentlich auch die Kerne von Früchten und vielleicht auch die unreifen, noch weichen Samen von Leguminosen. Grassamen wurden erst genießbar, nachdem der Mensch das Mahlen, Kochen und Backen gelernt hatte. Parallel zu diesen Tätigkeiten „erfand“ der Mensch das Getreide und wurde sesshafter Ackerbauer. Die „Erfindung“ des Getreides bestand in einem jahrtausendelangen Ausleseprozess. Ähren tragende Wildgräser haben die Eigenart, ihre Ähre nicht geschlossen abreifen zu lassen. Nach und nach und stückchenweise fallen die reifen Samen zu Boden, was bei schlechten Wetterverläufen das Risiko mindert. Ein paar Samen werden durchkommen. Die Erfindung des Menschen bestand darin, Gräser mit haltbaren und großen Ähren zu finden, zu sammeln, zu vermehren. Die Zentren der Wildweizenarten und der Wildgerste lagen im Hindukusch, im heutigen Afghanistan und in Anatolien, Regionen, in denen auch die Anfänge des Ackerbaues vermutet werden. Übrigens sind Roggen und Hafer als „Beikraut“ immer mitgewandert, sind erst später als Arten getrennt angebaut worden. Mit dem Ackerbau, der sich vom Orient gen Westen ausbreitete, sind auch Mohn, Kornblume und andere Getreidebegleiter mitgekommen.

Das faszinierende und erschreckende an der Erfindung des Getreides ist, dass sie die Grundlage, ja Voraussetzung für das Wachstum der Menschheit wurde. Getreidebau und Menschheit bedingten sich gegenseitig, schaukelten sich gegenseitig hoch, bis zum heutigen Tag.

Ägyptenreisenden, die sich abseits der Touristenattraktionen zwischen Kairo und Port Said aufhalten, fällt sicher auf, wie ein Lastwagen nach dem anderen mit riesigen Säcken beladen Richtung Kairo fährt. Die Einwohnerzahl des Großraums Kairo wird auf über 20 Millionen Menschen geschätzt, Menschen, die mit Brot versorgt werden müssen. Das Brot, also der Weizen, kommt täglich mit Schiffen in Port Said an und wird zu den Mühlen in Kairo gebracht. 30 Städte wie Kairo und noch weit größere gibt es auf der Erde. Sie mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen, ist nur mit Getreide möglich, das über weite Strecken mit Schiffen, Bahnen und Lastwagen transportiert werden kann. Es ist sicher nicht abwegig, zu behaupten, dass solche Megastädte erst durch massiven und jährlich zunehmenden Getreidebau möglich wurden.

Dabei wird weit mehr Getreide erzeugt, als zur Ernährung der Menschen notwendig wäre. Von den derzeit weltweit geernteten 2,23 Milliarden Tonnen Getreide werden 35% als Viehfutter verbraucht. Westeuropa, z.B. Frankreich, Deutschland und die USA essen, verglichen mit dem Weltverbrauch, pro Kopf mehr als das Doppelte an Fleisch. Eine eigentlich unzulässige Rechnung, wenn man berücksichtigt, dass der sehr hohe Fleischkonsum einiger Länder im Weltverbrauch mit drinsteckt. Deutlicher wird die Aussage, wenn man den Verbrauch in USA: 118 kg, Deutschland: 89 kg, mit dem Verbrauch in Indien: 4 kg oder Kenia: 16 kg vergleicht.

Den Fleischkonsum zu drosseln, ihn z.B. auf eine Mahlzeit in der Woche zu beschränken, würde helfen, den Welthunger zu stillen. Aber das wissen wir ja alles schon lange. Viel wichtiger ist es, dass das Landleben, die kleinbäuerliche Landwirtschaft über die Selbstversorgung hinaus Nahrung produziert, dem Leben auf dem Lande wieder einen Sinn gibt. Wer würde dann noch in die Massenquartiere und Slums der Megastädte wollen? Dass so eine Entwicklung der Weltagrarchemie zuwiderliefe, steht auf einem anderen Blatt. Dazu ein andermal mehr.


Foto-Quellen:
LorettaLynn, Lizenz CC0, gefunden auf pixabay
jdegheest, Lizenz CC0, gefunden auf pixabay


Text und Fotos: Christian Seiffert