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Samen, Saatgut etc.

Teil 1: Die Sucht Samen zu ernten

Lassen Sie mich gleich eine Warnung aussprechen: Das Ernten von Samen, wo immer man ihrer habhaft wird, kann zu einer gefährlichen Sucht werden. Unter den Diebstählen ist Samenklau zugegeben die harmloseste Kriminalität, er ist aber auch der Anfang vieler Freuden, vielen Ärgernisse sowie eines bald zwanghaften Verhaltens. Das gilt auch für die Samenentnahme am Wildstandort. Als Samennarr und –Süchtiger outen Sie sich dadurch, dass Sie nie ohne leere Filmdöschen oder Tütchen Gärten aufsuchen oder spazieren gehen. Notfalls dient auch eine Streichholzschachtel als Behälter. Samen in Jacken- oder Hosentaschen zu verstauen ist unprofessionell, verärgert die Hausfrau und führt schlimmstenfalls dazu, dass die Samen in der Waschmaschine ihre Keimkraft einbüßen. Zu Hause werden die Samen eingetütet oder eingedost. Natürlich wird alles beschriftet und mit Datum versehen. Der richtig süchtige Sammler tütet nicht erst lange ein, sondern sät aus. Er sagt sich, wenn der Samen reif ist, fällt er zu Boden, was soll ich also lange warten. Der Süchtige ist nämlich experimentierfreudig und ausgesprochen neugierig. Wie bringe ich den Samen dazu, schnell zu keimen? Im Dunklen, im Hellen, in Kälte oder in Wärme? Unter Glas oder im Freien? Welcher Boden eignet sich am besten, wie feucht muss er sein? Hat der Sammler Samen im Überfluss, macht er Parallelversuche, oder, wie unfair, er schaut in den Staudensamenkatalog von Jelitto, da kann man die wichtigsten Aussaathinweise finden.

Ein paar Geständnisse

Der Samen von Federnelken aus dem Staudensichtungsgarten in Weihenstephan entpuppte sich in wenigen Jahren als Quell vieler interessanter Kreuzungen, die besonders gut im Brandenburger Sand gediehen. Im Botanischen Garten München „entnahm“ ich Samen wahrscheinlich von Erodium manescavii, einem Reiherschnabel. Das ähnliche Erodium x hybridum konnte es ja wohl nicht sein, weil es steril ist. Auch dieses Erodium bereitet Freude, taucht an den verschiedensten Stellen im Garten auf mit seinen leuchtenden purpurroten Blüten. Auf einer Bergwiese nördlich des Gardasees fand ich reifen Samen von Aquilegia atrata, der dunklen, auberginfarbenen Akelei. In Blitzeseile, d.h. in zwei Jahren hatte sich die dunkle mit der in allen Gärten vorkommenden Aquilegia vulgaris gekreuzt. Der Samen von Luzula nivea, der Schneemarbel, war ein Erfolgserlebnis. Eine Katastrophe löste Samen des Seifenkrautes aus, den ich auch in Italien gesammelt hatte. Verführt vom Duft, nicht ahnend, was da für ein Expansionsdrang auf uns zukommt, hatte ich Saponaria officinalis gesät. Und noch schlimmer: Vincetoxicum nigrum, die Schwarze Schwalbenwurz. Eine sehr hübsche und interessante Pflanze. Nur ist sie vermehrungsversessen, und man wird sie nie wieder, wirklich nie wieder aus dem Garten vertreiben können. Bald werden sich die Nachbarn darüber freuen, bald ganze Straßenzüge!

Als ob es nicht genügt, wenn sich Helleborus foetidus, die Palmblatt-Schneerose, Helleborus x hybridus,  die Lenzrose, Eranthis hyemalis, der Winterling, Corydalis cava, der Lerchensporn sich in wenigen Jahren von allein vertausendfachen, der Süchtige muss auch noch im eigenen Garten Samen ernten. Wer kann schon der wunderschönen „Pusteblume“ von Tragopogon porrifolius widerstehen, diesem violetten Bocksbart? Bieten sich die langen, braunen sternartig abstehenden Samen von Cosmos sulphureus nicht zum Sammeln an? Großartige Samen, die im unreifen Zustand wie Lakritze schmecken, liefert die Süßdolde. Myrrhis odorata ist im Halbschatten, auf frischem Boden eine Staude, von der man gar nicht genug haben kann. Erstens schmeckt sie sehr gut, zwischen Kerbel und Anis, zweitens ist sie eine große Zierde, vor allem in Gesellschaft von blauen Akeleien.

Soviel für den Anfang. Es werden weitere Themen in loser Folge erscheinen, die sich mit Samen, Saatgut, Züchtung und den Großkonzerne befassen, die im Begriff sind die klassischen Saatgutbetriebe aufzukaufen und heute schon den Weltmarkt beherrschen.


Text und Fotos: Christian Seiffert