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Samen, Saatgut etc

Teil 5

Auf allen Erdteilen, in allen Landschaften, die von Menschen bewohnt werden, sind im Laufe von 10 000 Jahren unzählige, wirklich unzählige Kulturpflanzen entstanden. Jeder Kontinent hat seine speziellen Arten, jede Landschaft ihre speziellen Sorten, Sorten, die an die Klima- und Bodenverhältnisse angepasst sind. Sicher sind immer wieder neue hinzugekommen, und sicher sind unendlich viele dieser Sorten nicht mehr angebaut worden, weil sie von besseren überflügelt wurden. Man rechnet mit 35 000 Arten, die von Menschen kultiviert werden. Die allermeisten davon sind Zierpflanzen. 6040 Arten sind Nutzpflanzen für verschiedenste Zwecke. Die Zahl der Sorten aber ist unzählbar, ein riesiger Schatz der Menschheit.

Diesem Weltkulturgut, der Sortenvielfalt der Regionen, droht das Aus. Den Saatgutmarkt wollen eine Handvoll Agrarchemie-Konzerne in Zukunft allein beherrschen. „Wer das Saatgut kontrolliert, beherrscht die Welt.“ Diese aufschlussreiche Äußerung stammt vom früheren US-Außenminister Henry Kissinger. Im Streben, die agrarwirtschaftliche Weltherrschaft zu erlangen, ist der kleinbäuerliche Anbau von Lokalsorten genauso im Wege wie diese Betriebe selbst, deren Land man braucht. Die Saatgutgesetzgebung der EU und Deutschlands unterstützt diese Entwicklung eher, als dass sie sie verhindert.

Dass die Notwendigkeit erkannt ist, die „Landsorten“ unbedingt zu erhalten, zeigt das Bemühen der FAO. Ihr Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt (Sitz seit 2005 in Bonn) ist eine unabhängige internationale Organisation mit Forschungsstätten auf allen Kontinenten. Dazu gehört die Tiefkühl-Genbank auf Spitzbergen, die seit 2008 in Betrieb ist. Genbanken sind Samen-Sammlungen mit verschiedensten Schwerpunkten. Da werden vom Aussterben bedrohte Wildarten und wilde Vorfahren der Nutzpflanzen gesammelt, andere bemühen sich um die breite Vielfalt der Leguminosen. Eine besonders wichtige Aufgabe ist die Erhaltung einer möglichst großen Sortenvielfalt von Nutzpflanzen. In den letzten 100 Jahren sind bereits 75 % aller Nutzpflanzensorten verloren gegangen. Entweder wurde ihr Lebensraum zerstört oder sie wurden nicht mehr angebaut. Es ist also allerhöchste Zeit, wenigstens den Rest zu retten.

Genbanken sind gut und für die Forschung und Züchtung von größter Wichtigkeit. Der Anbau der Sorten ist aber ebenso dringlich. Die Nutzpflanzen müssen sich erneuern, sich anpassen, man muss sie weiter auslesen, verbessern können. Das geht nur auf dem Feld und im Garten. Sucht man im Internet nach Organisationen, die sich ideell und praktisch darum kümmern, ist ihre Zahl erstaunlich. Im Einzelnen können sie hier nicht beschrieben werden. Für Interessenten seien die wichtigsten aufgeführt.

Die Aufgaben, die sich diese Organisationen gestellt haben, sind enorm. Sie reichen vom Anbau und sogar der Neuzüchtung bis zur Beratung von Gartenbesitzern, Organisationen und Regierungsämtern. Rechnet man noch die Saatgutfirmen hinzu, die sich der Sortenerhaltung und dem ökologischen Landbau verpflichtet haben, dann sind das beachtliche Kräfte, die sich den Industrie-Agrar-Mächten entgegenstellen. Doch nur bei weltweiten Initiativen könnte aus dem Kampf von David gegen Goliath wenigstens ein Gleichgewicht der Kräfte entstehen.

Gartenfreunde können sich in das Bemühen mit einreihen. Ein Vergleich der üblichen Standard-Sortimente mit den Samenangeboten der oben aufgeführten Organisationen sollte sie anregen, der Monotonie im Gemüsegarten ein Ende zu bereiten. Und warum nicht auch selber Saatgut ernten?

Wer je die Keimfreudigkeit von selbstgeerntetem Dill- und Petersiliensamen erlebt hat, der kauft keine Tüten mehr. Bei anderen Gemüsearten und Kräutern ist die Samenproduktion nicht ganz so einfach. Eine Voraussetzung ist, dass die Gemüsesorte, die vermehrt werden soll, „samenfest“ ist. Hybridsaatgut eignet sich nicht, weil der daraus entstehende Nachbau uneinheitlich und minderwertig wäre. Dieser Nachteil würde auch entstehen, wenn im selben Garten oder beim Nachbarn eine andere Sorte der- selben Art offen blüht. Bienen und andere Insekten würden ohne Rücksicht überkreuz bestäuben und so käme es auch in diesem Fall zu uneinheitlichem Samen. Wer also samenfeste Sorten nachbauen will, muss sie vor Fremdbestäubung schützen. Auch nahe Verwandte, wie Rote Beete und Mangold können miteinander kreuzen. Man sollte also Rote Beete oder Mangold zur Blüte kommen lassen. Will man Bohnen als Saatgut ernten, dann darf man nur eine Sorte anbauen. Buschbohnen und Stangenbohnen sind dieselbe Art, kreuzen also miteinander! Tomaten sind Selbstbestäuber. Geben ihr Erbgut also einheitlich weiter. Aber kann man sich darauf verlassen? Hummeln gehen auch an Tomatenblüten. Also sollte man eine Blütentraube mit einer Tüte schützen. Zucchini- oder Hokaido-kürbissamen zu produzieren, ist nicht besonders schwer. Man tütet eine weibliche Blüte einen Tag, bevor sie sich öffnet, ein und bestäubt sie am nächsten Tag per Hand mit einer männlichen Blüte. Nach der Bestäubung muss man die weibliche Blüte wieder verpacken. Von offen abgeblühten Zucchini entstehen gelegentlich Pflanzen mit bitteren Früchten! Übrigens: Feldsalat, der nicht beizeiten geerntet wird, blüht und produziert reichlich Samen. Das kann zu einer ungesteuerten Feldsalatvermehrung kommen. Man braucht ihn dann nicht mehr in Beeten anzubauen, weil er als „Unkraut“ allgegenwärtig ist.

Soweit diese nur oberflächliche Einführung in eine nicht ganz einfache Disziplin des Gartenbaues. Wer es genauer wissen will – oder es gar professionell betreiben möchte – der sollte sich mit einer der vielen oben aufgeführten Organisationen in Verbindung setzen.


Text und Fotos: Christian Seiffert