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Rosen und das Drumherum

Vor sechs Jahren, als ich das letzte Teilstück des Kräutergartens anlegte, stand für mich fest: Zu einem Garten mit lauter Kräutern gehören auch Rosen. Wie bitte? wird manche Gartenfreundin, mancher Gartenliebhaber fragen: Sind Rosen nicht Sträucher, demnach Gehölze? Wie kann man, wenn man es mit dem Vorsatz, einen Garten allein mit Kräutern zu bestücken, ernst meint, Rosen hineinsetzen?

Ich muss mich gar nicht mit dem Hinweis rechtfertigen, dass seit Jahrhunderten der Begriff ‚Kräuter’ alle Pflanzen umfasste, denen irgend eine Heilwirkung zugeschrieben wurde oder die auf dem Speisezettel standen, darunter viele Zwergsträucher, Gehölze, ja sogar das Laub mancher Bäume.
Zumindest eine Rose war unabdingbar für jeden Apothekergarten: Rosa gallica officinalis, eben die Apothekerrose, aus der nicht nur Rosenöl gewonnen wurde (und wird!), sondern die Essenzen für viele Heilzwecke lieferte. Für mich war klar: Ohne diese historische Rose geht es nicht. Dann war es nur ein kleiner Schritt zur Rosa gallica 'Conditorum', aus deren Blütenblättern man Konfekt herstellte. Und wo ich einmal bei den historischen Rosen war, mussten für den Kräutergarten, der ja viele Duftpflanzen versammeln soll, auch noch die sehr alte 'Rose de York' her, und die Rosa centifolia muscosa 'Rubra', und die Rosa centifolia 'Major', und 'Ombrée parfaite' – lauter Duftwunder.
Mehr als zehn der alten Rosensorten brachte ich aber nicht unter, denn die meisten von ihnen wachsen rasch zu großen Büschen heran – 'Rose de York' ist längst weit über zwei Meter hoch, 'Rubra' bildet einen ausladenden Busch.

Als ich die Rosen pflanzte, ergab sich gleich die Frage: Was setze ich zwischen die Sträucher, deren überhängende Zweige bald Schatten ausbreiten würden und von denen einige unten stark verholzen und auskahlen könnten? Es heißt ja immer: Rosen und Lavendel gehören zusammen, weil der Lavendelduft die leidigen Blattläuse vertreibe. Ich habe es erst einmal ausprobiert, obwohl ich wusste, dass die beiden Pflanzenfamilien ganz unterschiedliche Bodenansprüche haben: Lavendel will es eigentlich mager, mit einem kalkhaltigen Boden, durchlässig, am besten Kalkschotter, und die Rosen brauchen kräftiges, lehmiges Futter. Nach dem Grundsatz der Pflanzengesellschaften mit ähnlichen Standortansprüchen haben Lavendel und Rosen also wenig gemein.
Und als meine Rosen heran wuchsen, beschatteten sie in manchen Bereichen den Lavendel stark – also musste er weichen. Nur am südlichen Rand des Rosenstandorts, wo die volle Sonne dem Mittelmeersträuchlein das Dasein erträglich macht, ist eine Gruppe von Lavandula 'Siesta' stehen geblieben.
Was also statt dessen? Ich habe es mit verschiedenen Sorten der Kleinen Katzenminze Nepeta faassenii versucht – blau, weiß, zitronig. Die Kleine Katzenminze ist ja eine sehr schöne Einfassungspflanze, blüht früh und fast den ganzen Sommer über, breitet sich rasch aus, und die vielen verschiedenen Sorten mit ihren Blütenfarben kann man gut mit Rosen kombinieren. Aber auch sie wollen in der Sonne stehen, unter den Rosenbüschen mickerten sie und verschwanden stellenweise ganz.

Was fällt dem Kräutergärtner dann noch ein? Storchschnabel natürlich, Geranium. Zwar kann, wenn man es streng nimmt, nur der Stinkende Storchschnabel Geranium rupertianum, die nahezu überall wachsende, heimische Wildstaude, eine bis in die Gegenwart reichende Geschichte als Heilkraut aufweisen. Aber die Blüten und Blätter manch anderen Art, etwa des Wiesenstorchschnabels Geranium pratense oder des Waldstorchschnabels Geranium sylvaticum, werden als Zutat für Wildkräutersalate und Spinatgerichte genutzt. Das kann man dann als Rechtfertigung dafür nehmen, mit den besonders schattenverträglichen Arten und Sorten unter den vielen Geranium-Varianten zu experimentieren, auch wo man pflegeleichte und ausdauernde Unterpflanzungen für große Rosenbüsche sucht. Geranium nodosum etwa eignet sich gut, sät sich aber stark aus, auch Geranium phaeum neigt dazu, sich sehr auszubreiten. Mit Geranium versicolor habe ich gute Erfahrungen gemacht, die Art bleibt vergleichsweise niedrig und hält es auch im Schatten aus, und von den Cantabrigense-Hybriden wächst bei mir 'Biokovo' vor der Apothekerrose.

Aber das Problem der flächigen Begrünung im tiefsten Schatten bis an den Austrieb der Rosen heran hat sich von selbst gelöst: Der Sibirische Winterportulak Montia sibirica, von dem ich ursprünglich nur einige wenige Pflanzen als essbares Wintergrün gesetzt hatte, hat sich überall in schattigen Partien ausgebreitet. Er versamt sich zwar sehr stark, aber die Plänzchen sind trotzdem gut im Zaum zu halten – flach wurzelnde, sattgrüne und ganz leicht zu ziehende Kleinstauden. Spätestens vom April an blüht der Bodendecker mit hübschen, weißen Stern-Blüten über dem fleischigen Laub, eine Augenfreude bis in den August. Und das ganze Jahr über kann man die Blätter als Salatzutat ernten. Sie schmecken nicht besonders würzig, aber im Winter ist man ja über jedes frische Grün froh.
So lasse ich jetzt den Portulak für das Grün unter den Historischen Rosen und auch der Wildrosenhecke (Alpenheckenrose, Rosa pendulina) sorgen und greife nur dort ein, wo der Dauerblüher sich allzu sehr zwischen Schlüsselblumen, Wiesensalbei und Elfenblume mischt. Wenn man wenig Platz zwischen den großen Büschen der historischen Rosen hat, weiß ich kaum ein besseres Kraut als den Winterportulak.


Text und Fotos: Ludwig Fischer