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Phloxe und Schmetterlinge


Birgitte Husted Bendtsens Buch »Phloxe für den Garten«, im Jahr 2009 in deutscher Sprache erschienen, ist nicht nur ein fachlich hervorragendes Nachschlagewerk über Herkunft, Pflege und Vermehrung von Phloxen, sondern auch ein interessant und unterhaltsam geschriebenes Gartenbuch mit ausgezeichneten Fotos. Wir freuen uns, dass die Autorin uns einen ihrer Texte aus diesem Buch zum Abdruck im Gartenmagazin zur Verfügung stellt: ihre Begegnung mit dem »falschen Kolibri«, dem zauberhaften Taubenschwänzchen!

Eigentlich ist es ja ganz unverantwortlich, mit so großer Geschwindigkeit durch einen Privatgarten zu fliegen. Als ich ihn vor ein paar Jahren zum ersten Mal sah, traute ich meinen Augen nicht. Was für ein Tier war das? Es erinnerte mich an einen Kolibri. Ich rief bei dem Naturhistorischen Museum an. Man sagte mir, dass ich den Besuch eines Taubenschwänzchens, Macroglossum stellararum, gehabt habe. In warmen Sommern mit südlichen Winden zieht es aus dem Mittelmeerraum zu uns. Später fand ich heraus, dass die Art auf englisch “the hummingbird hawkmoth” genannt wird, also “Kolibri-Nachtschwärmer”.

Im vergangenen Jahr hatte ich reichlich Gelegenheit, den Temposünder zu beobachten. Den ganzen Sommer über war er täglich im Garten zu Gast. Während ich stundenlang über meinen Fotoapparat gebeugt stand um Phloxe zu fotografieren, war das Taubenschwänzchen hier und da und überall und steckte unermüdlich seinen Saugrüssel in die vielen Phloxblüten. Auch die Sommerphloxe im Gemüsegarten wurden mit derselben irrsinnigen Geschwindigkeit besucht. Es war so faszinierend, dass ich ganz vertieft seiner Arbeit mit den Phloxen zusah. Deshalb beschloss ich, dass er mit in das Buch müsste, selbst wenn das Bild etwas unscharf wäre. Man kann sich ja leicht vorstellen, dass es nicht einfach ist, diesen blitzschnellen Flieger zu fotografieren, der übrigens zu dem am Tage fliegenden Typ von Nachtschwärmern gehört. Andere dieser Typen tauchen erst gegen Abend auf, und man kann sie, wenn man Glück hat, im Dämmerlicht den Phlox besuchen sehen, wenn man zur Schlafenszeit durch den Garten geht.

Inzwischen habe ich einiges über meinen kleinen fliegenden Freund gelesen, es ist wie ein Curriculum vitae, ein Lebenslauf. Er ist weit gereist. An der Universität von Lund hat er die Prüfung bestanden, zwischen Farben und Düften zu unterscheiden und den Geschmack verschiedener Zuckerarten zu erkennen. Er nahm erfolgreich an einem Test teil, in dem er zeigen sollte, dass er eine Farbe und die bevorzugte Zuckerart miteinander verbinden kann.
Diese Versuche sind in einem Artikel in den Naturwissenschaften (Springer-Verlag 2006) referiert worden.

Bestäubung und Befruchtung

Dass die höher entwickelten Insekten wie Schmetterlinge und Bienen Farben, Düfte und Geschmack unterscheiden und zuordnen können, ist für die Befruchtung von Pflanzen entscheidend. Würden diese Insekten von hier nach dort taumeln, würde der Pollen z.B. von einem Phlox auf den Narben z.B. einer Rose landen; ebenso würde Pollen einer Apfelblüte nicht zu einer anderen Apfelblüte getragen werden, sondern zu einer ganz anderen Fruchtart. Das wäre so, als versuchte man, ein Pferd mit einer Kuh zu paaren, auch das geht nicht.
Als sich die Blütenpflanzen in der Kreidezeit entwickelten, kam es zu einem „Freundschaftsvertrag“ zwischen ihnen und den Insekten. Die Insekten, die den Pollen mit den Samenzellen zu den Narben der Blüte transportieren konnten, bekamen für die Arbeit als Belohnung Nektar oder Pollen.
Nektar zu produzieren verlangt Energie; daher muss die Blüte dafür sorgen, dass der Nektar nicht verloren geht. Manche Blüten haben einen speziellen Aufbau, der verhindert, dass Insekten, die nicht die Bestäubungsarbeit ausführen, den Nektar kriegen. So besitzen die Blüten, die wie Mitglieder der Gattung Phlox von Schmetterlingen bestäubt werden, eine lange Kronröhre, auf deren Grund der Nektar gut verborgen ist. Es erfordert einen langen Rüssel, um ihn aufsaugen zu können, und gerade den haben die Schmetterlinge.
Einen kleinen Landeplatz sollte es auch geben; das ist der obere Teil der Kronblätter (die Platte).
Nachtschwärmer wie das Taubenschwänzchen benötigen keinen Landeplatz. Sie „stehen“ mit schwirrenden Flügeln vor den Blüten und stecken ihren langen Saugrüssel hinein. Den Saugrüssel rollt er zusammen, wenn er ihn nicht braucht.


Text: Birgitte Husted Bendtsen
Fotos: Mikkel Jézéquel – Naturbilleder til din bolig/