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Pfingstrosen

Die erste Erinnerung an eine Pfingstrosen ist diffus. Nebelhaft kommt mir in den Sinn, dass meine Großmutter Helene bei einer Familienfeier eine kugelige Knospe überreicht bekam, die eine dunkelrote Zone in der Mitte hatte. Farblich passte das sehr gut zu dem gedeckten Kaffeegeschirr, das eine tiefrote Edelrose zeigte und damals zu den Schätzen des Haushalts der Omi gehörte. Meine Oma Lene hatte allerdings die Angewohnheit, Geschenktes weiter zu reichen und so landete diese Blume sehr bald auf dem elterlichen Esstisch und blühte dort am nächsten Tag auf. Ich war gebannt! Eine Vielzahl kurzer Blütenblätter quoll zwischen den Hüllblättern hervor. Sie waren vom sattesten, dunkelsten Rot, das ich bis daher bei einer Blüte gesehen hatte. Die Pracht hielt allerdings nicht allzu lange. Zwei Tage danach hellte sich der Farbton bereits leicht auf und nach weiteren zwei Tagen waren die Blütenblätter auf die Tischdecke gerieselt. Meine Mutter nahm es gelassen, als sie die roten Flecken sah, die von dem Pflanzensaft herrührten. Ihr Standardspruch war in solchen Dingen "Das macht Frau Saubermann nichts aus." Die Flecken gingen aus dem Damast heraus (Gallseife machte es möglich), aber ich bekam diese Blume nicht mehr aus dem Kopf. Sie wurde mir als "Pfingstrose" vorgestellt. Solch eine Zauberpflanze wollte ich unbedingt im Garten haben. So strackste ich zur benachbarten Gärtnerei und kaufte ein kleines Pöttchen mit einem gerade noch dunkelroten Austrieb, der gerade vergrünte und gelappte Blätter zeigte. Ich war aber denn doch skeptisch. Warum blühte diese Pflanze nicht? Wieso sind die Blätter dunkler als bei der Diva in der Vase? Überhaupt war die erstandene neue Gartenpflanze weder besonders ähnlich, noch wirklich unterschiedlich zu der prallen Schnittblume. Nunja; ich pflanzte sie trotzdem und wartete ab.

Pfiffige Gartenfreunde werden sofort erkannt haben, dass es sich bei der Schnittblume auf Omas Kaffeetisch um die Bauernpfingstrose Paeonia officinalis 'Rubra Plena' handelte. Die Pflanze aus der Gärtnerei gehörte aber zur Gruppe der Chinesischen Pfingstrosen Paeonia lactiflora. Und welche Sorte es sein sollte, offenbarte sich später. Sehr viel später…

Ich habe meine ersten Erfahrungen mit Pfingstrosen nämlich zu einer Zeit gemacht, als es diese Pflanzen (zumindest in meinem Heimatort) nur in kleinen Töpfen gab und lediglich eine grobe Farbsortierung auf dem kleinen Steckschild angegeben war. Und da kleine Pfingstrosen mehrere Jahre brauchen ehe sie blühen, war es eine Sensation, als sich die erste Kugelknospe erbsengroß inmitten eines Blattaustriebes blicken ließ. Einige Wochen später ging die Blüte auf – sie war weiß und hatte hier und da einen feinen karminroten Federstrich. Erst war ich ärgerlich, denn ich wollte ja eine rote "echte" Pfingstrose haben, aber dann freundete ich mich mit der Zufallsbekanntschaft an. Sie war nämlich nicht nur blütenschön, sondern duftete auch noch angenehm. Bald fand ich heraus, dass es sich um die beliebte 'Festiva Maxima' handelte. Ich hatte sie seither immer wieder angepflanzt, ganz gleich, welchen Garten ich pflegen durfte.
Natürlich bekam ich große Lust, weitere Sorten auszuprobieren. Da ich aber nicht besonders geduldig war und außerdem kaum Geld zur Verfügung hatte, suchte ich Bezugsquellen die mich schneller und preiswerter zum Ziel brachten. Bei einer lieben Bekannten wurde beispielsweise im Garten ein Zaun versetzt, damit ein Carport errichtet werden konnte. An diesem Zaun reckten sich dunkelrote Austriebe und ich quengelte so lange, bis ich diese mir völlig unbekannte Pfingstrose ausgraben durfte. Es war eine sicher 20 Jahre alter Veteranin und ich behandelte sie wie ein rohes Ei. Im Umsetzjahr blühte sie zwar nicht – dafür aber ein Jahr später. Die legendäre 'Sarah Bernhard' in ihrem Apfelblütenrosa mit starkem Duft und schweren Blüten zog im elterlichen Garten wieder als "Zaungast" ein. Ich bekam übrigens bei meinem Pfingstrosenexperimenten unverhoffte moralische Unterstützung durch meinen Vater, der sich bis dahin nicht als Blumenfreund geoutet hatte. Bei einem Spaziergang im Mai durch den Garten, steckte er mir, dass Pfingstrosen zu seinen besonderen Lieblingsblumen gehörten. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, oder?

Eine Nachbarin bot mir dann eines Tages ein Teilstück einer Sorte mit pinkfarbenen Außenblättern und einer weißlichen Füllung an. Sie hieß 'Bowl of Beauty' und ich mochte sie gar nicht leiden. Ich erinnerte mich an das Verhalten meiner Oma und reichte die Pflanze weiter … zum einen musste ich mich wohl erst einmal daran gewöhnen, dass es auch Pfingstrosen gibt, die nicht aussehen wie vergrößerte Rosen. Pfingstrosen mit "japanischer" oder "anemonenartiger" Blütenform waren mir noch sehr fremd. Außerdem fand ich die Farbkombination zu schreiend. Mittlerweile hat sich mein Geschmack geändert, auch wenn ich dem Pink mit Weiß noch immer nur wenig abgewinnen kann. Aber es gibt ja beispielsweise auch rein dunkelrote Sorten. Und auch das zarte Rosa der 'Do Tell' hat sich in mein Herz geschlichen – zumal sich zwischen der gleichfarbenen "Füllung" hier und da rote Farbstriche zeigen.

Dann bestellte ich bei einer Staudengärtnerei (für einen für meine Verhältnisse exorbitanten Preis von 12 DM) eine Pflanze 'Primevère', deren weiße Blütenschale zartgelbe schmale Petalen beherbergte. Ich pflanzte im Herbst und war völlig überwältigt, dass sie im folgenden Frühsommer bereits blühte. Allerdings hatte ich gehofft, dass die Blüte gelblicher war. Aber immerhin hatte ich begriffen, dass Qualität ihren Preis hat. Ich glaube es war Elizabeth Arden, die sagte: "Der Preis ist schnell vergessen, die Qualität aber nie." Sie hätte auch Pflanzen verkaufen können statt Kosmetik. Ein Traum ließ mich seit 'Primevere' aber nicht mehr los: Die gelbe Pfingstrose. Diese Sorten wurden erst sehr spät entwickelt und sattes, reines Gelb findet sich bei nur wenigen Wildarten und den mittlerweile erschwinglichen Intersektionellen Päonien.

Doch auf die will ich jetzt nicht hinaus, denn ich habe meine große Liebe unter den Pfingstrosen längst gefunden. Ihr Name ist 'Claire de Lune'. Auch diese Sorte begegnete mir zuerst als Schnittblume. Breite aprikosen- bis primelgelbe Blütenblätter umgeben ein Zentrum aus dicht stehenden goldfarbenen Staubgefäßen. Neben der ungewöhnlichen Schönheit der Blüten hatte es mir auch der Name der (Pfings-)Rose sehr angetan, denn ich habe eine echte Schwäche für den Mond und liebe es geradezu, wenn ein Sortenname zur Pflanze passt und so ganz nebenbei auch noch meine Seele rührt. Anhand dieser Sorte ist mir klar geworden, dass es Züchtungen gibt, die nicht mehr übertroffen werden können. Nicht, weil sie makellos sind – "verbessern" lässt sich schließlich immer irgendetwas … Nein! Perfektion ist nicht gefragt, wenn man liebt. Genauso wenig, wie ein Mr. oder eine Mrs. Perfect dauerhaftes Glück als Partner garantieren können. Vollendung ist dann erreicht, wenn man nichts mehr im Gegenüber vermisst, ganz gleich was man geboten bekommt. Und daher gibt es für jeden von uns einen Mr. Right oder eine Mrs. Right und viele, viele "Flowers Right".


Text und Fotos: Andreas Barlage