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Paeonien im oberbayerischen Garten

Beim Aufstieg zum Monte Stivo, nördlich des Gardasees, südlich von Trient fand eine Begegnung der besonderen Art statt: Mit einer Paeonia officinalis, die ihre reifen Früchte, schwarze dicke Samen, feilbot. Solch ein Angebot lässt man nicht links liegen, sondern greift zu. Die Anzucht in Oberbayern verlangte einiges an Geduld. Aber als im Herbst 1984 der Garten in Eresing angelegt wurde, konnten wir die erste wilde Pfingstrose auspflanzen. Sie steht nun also 23 Jahre am selben Platz, treu jedes Jahr blühend und im Prinzip immer ge-sund, bis auf einen einmaligen Anfall von Botrytis paeoniae, dem Päonien-Grauschimmel. Die Pflanze überlebte, ohne dass eingegriffen werden musste. Allerdings hatte sie sich inzwischen schon beachtlich durch Samen vermehrt! An mehreren Stellen im Garten wachsen und blühen jetzt Kinder und Kindeskinder und erfreuen uns. Die Freude daran beginnt jedes Jahr schon mit dem Austrieb, wenn sich die rötlichen Triebe aus dem Boden schieben. Die einzelnen Blüten halten nicht all zu lange, aber es stehen viele Knospen in Reserve zur Verfügung. So dauert die Blütezeit doch mehrere Wochen.

Eine alte Kulturpflanze
Aus gärtnerischer Kultur und ein Geschenk von Nachbarn dagegen ist die dunkelrote gefüllte Bauernpfingstrose, Paeonia officinalis 'Rubra Plena'. Sie ist eine schöne und üppige Matrone, so üppig, dass man ihre Blütenstiele stützen muss. Wann mag diese Sorte wohl entstanden sein? Ihre Abstammung von der Wildart kann man übrigens riechen. Beide duften gleich, etwas erdig, muffig, an kalte Zigarre erinnernd. Die moderne Taxonomie würde sich mit diesem Duftbeweis sicher nicht zufrieden geben, zumal die meisten europäischen Päonienarten ähnlich riechen.

Ein Gruß aus der Ägäis?
Offensichtlich eine Hybride zwischen Paeonia officinalis und Paeonia peregrina (aus dem Balkan und der westlichen Türkei stammend) scheint die Sorte "Crimsons Globe" zu sein. Eine besonders standfeste, einfach blühende, leuchtend karminrote Sorte. Sorgen bereitet bei ihr immer wieder einmal die Botrytis. Ich nehme die Staude dann auf, entferne alles Kranke vom Wurzelstock, behandle die Schnittstellen mit Holzasche und zerriebener Holzkohle. Dann bleibt sie wieder ein paar Jahre gesund und da sie bei dieser Prozedur auch geteilt wird, hat man sogar einen Gewinn.

Eine Päonie aus der russischen Steppe
Ganz und gar gesund, wenn auch sehr langsamwüchsig ist die Paeonia tenuifolia. Sie steht im "Senkgarten" östlich des Hauses und wird von Origanum vulgare und Geranium sanguineum umlagert. Das scheint ihr nichts auszumachen, sie mag offenbar diese Gesellschaft. Paeonia tenuifolia hat ein riesiges Verbreitungsgebiet, das vom Balkan bis zum Kaukasus, zwischen Schwarzem Meer und Kaspischem Meer bis zum Ural reicht. Sie wächst in Trockenrasen und Steppen. Wie gern würde man sie in dieser Situation einmal kennenlernen, vielleicht in Kasachstan? Leider vermehrt sich unsere Tenuifolia nicht durch Samen. Wahrscheinlich fehlt ihr die intensive osteuropäische Sonne, oder ein Partner.
Paeonia tenuifolia blüht beinahe zeitgleich, auf alle Fälle überlappend mit den wilden Pfingstrosen vom Monte Stivo. Theoretisch wäre eine Befruchtung P. tenuifolia x P. officinalis also möglich. Aber so ohne weiteres finden ja Artkreuzungen nicht statt. Und warum auch. Beide Arten sind für sich in ihrer klaren Form, ihren schönen Farben, ihrer Standfestigkeit so überzeugend, dass es keiner Hybriden bedarf.

Altes Kulturgut aus Japan und China
Und dann die ostasiatischen Paeonien, Paeonia lactiflora-Sorten. Die erste in unserem Garten hatte eine lange Geschichte. Ursprünglich kommt dieses Exemplar aus Pommern, wanderte über Frankfurt am Main bis Oberbayern, wurde immer wieder geteilt, von Familie zu Familie weitergereicht. Gefüllt und rosa ihre Blüten, fällt sie außerdem durch ihr kräftiges Wachstum auf, was wohl mit ein Grund dafür war, dass sie so häufig geteilt und verschenkt wurde.
Jüngeren Datums ist die späte weiße, einfach blühende Krinkled White und neu hinzu gekommen eine dunkelrote einfach blühende Paeonie Balliol, die 1907 gezüchtet wurde, also auch schon stattliche 100 Jahre alt ist. Im Vergleich zu den viel früher blühenden und etwas stinkigen Officinalis-Paeonien, zeichnen sich die Lactiflora-Sorten durch ausgesprochenen Wohlgeruch aus. Freilich entdeckt man hin und wieder eine Sorte, die leicht fischig riecht, was aber auch am Alter der Blüten liegen kann.


Text und Fotos: Christian Seiffert