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Oh du schöne Dahlienzeit

Geht es Ihnen auch so? Immer wenn im Frühling die Dahlienknollen allerorten angeboten werden, gerate ich in einen gewissen Rausch und sehe mir fasziniert die Vielfalt der Sorten an. Schließlich will die Blütenpracht des Sommers im Frühling vorbereitet werden. Da Dahlien alle gleich  völlig unkompliziert im Garten gepflanzt und gepflegt werden können und durch die Bank reich und dauerhaft blühen, braucht man sich ja nur zu entscheiden, welche Sorte die Schönste ist.

Habe ich „nur“ geschrieben?

Na, genau da liegt ja die Crux. Auch wenn es sich genau genommen um ein Luxusproblem handelt, ist die Auswahl der passenden Sorten für anvisierten Pflanzplatz die größte Herausforderung. Das verführerische Sortiment macht es schwer sich zu entscheiden.

Eine Zeitlang habe ich einfach zugegriffen um verschiedene Sorten einfach kennen zu lernen. Anfangs ist mir dabei der Fehler unterlaufen, die Höhenangaben bei den einzelnen Züchtungen zu überlesen – ich hatte nur auf die Blütenformen und –farben geschaut und staunte nicht schlecht, dass es gerade kniehoch wachsende Zwerge ebenso gibt wie Giganten, die sogar Mannshöhe erreichen. Da ich kein Freund von Extremen in Gartenfragen bin, sondern den gewohnten Wuchscharakter der Dahlien – also etwas mehr als meterhoch und buschig – bevorzuge, konzentrierte ich meinen Sortenfilter auf dieses Sortiment. Auch das ist wahrlich groß genug und ich lernte, dass selbst dabei die Ausstrahlung der Pflanze von Sorte zu Sorte unterschiedlich ist; Dahlie ist eben nicht Dahlie.

Am einfachsten ist es freilich, sich ein ganzes Beet nur für Dahlien anzulegen. Genauso wie  in der Vase gefällt mir eine Vielfalt an Formen und Farbstellungen auch im Garten sehr gut, sie lädt ein, reichlich Schnittblumen zu schneiden und es ist herrlich in dieser Vielfalt zu schwelgen. Allerdings ist eine solche Buntheit nicht leicht in übliche Gärten zu integrieren. Sehr gut macht sich die Mischung hingegen in der Nähe eines Nutzgartenbereiches, vielleicht als Abgrenzung zu Gemüsebeeten. Bauergarten-Look oder Schrebergartenidylle sind damit garantiert.

Ausgezeichnet eignen sich Dahlien ebenfalls als leitende Höhepunkte in einer Saisonbepflanzung. Gemeinsam mit der reichen Auswahl an Sommerblumen lassen sich unbegrenzt Farbthemen umsetzen – die Wirkung wird nie verfehlt. Die opulenten Ball- und Kaktusdahlien nehmen hier sofort  ihre  Führungsrolle einnehmen. Aber auch kompakte niedrige und halbhohe Dahlien oder solche mit einem feingliedrigeren Aufbau in Pflanze und Blüte bieten sich geradezu an, für Farbe und Stimmung zu sorgen.

Als ich auf die Idee kam, Dahlien mit mehrjährigen Pflanzen zu vergesellschaften, gingen die ersten Experimente gestalterisch erst einmal schief. Meine geliebten Kaktusdahlien harmonierten überhaupt nicht mit öfter blühenden Rosen – diese Pflanzen sind einander völlig fremd und konkurrieren auf sehr unterschiedlichen Ebenen um die Aufmerksamkeit. Lediglich in einer Bauerngarten-Szenerie kann ich mir vorstellen, dass Kletterrosen oder sehr große Strauchrosen mit Dahlien zusammen ein schönes Bild ergeben.

Eine Chance für eine Schlichtung der Herrschaftsansprüche, die Rosen und Dahlien beide unmissverständlich stellen besteht nur, wenn sie sich in der Regentschaft ablösen. Einmal blühende Rosen, etwa Wildrosen oder Historische Rosen wie Alba-Rosen, Gallicas, Damaszener-Rosen etc. zeigen ja ihre Blüten ehe sich die ersten Dahlienknospen öffnen – zumindest, wenn die Dahlienknollen erst Anfang Mai gesetzt werden. Stehen die Dahlien im vollen Flor, haben sich die Rosen bereits zurück genommen und bilden eine laubgrüne Kulisse. Dann ist das Gartenbild als Ganzes ebenfalls völlig verändert – und doch hat es einen großen Reiz; wer liebt nicht die Abwechslung?

Am besten gefallen mir Dahlien in Kombination mit Stauden. Genau genommen gehört die Dahlie selbst ja auch dieser Pflanzengruppe an, da sie mehrjährig wächst und kein Holz ausbildet – nur sind ihre Wurzeln zu Knollen umgewandelt und sie wird somit gärtnerisch den Zwiebel- und Knollenpflanzen zugeordnet. Außerdem die aus Mexiko stammende Dahlie hierzulande nicht winterhart – auch das wird zumindest von Hobbygärtnern bei einer Staude „erwartet“.

Prachtstaudenbeete sind das ideale Terrain auch für Dahlien. Hier sind schon einmal die Lebensbedingungen ideal: sonnig, nährstoffreicher Boden und ausreichende Bewässerung in Trockenphasen mögen sie genauso gern wie Phloxe, Taglilien, Sonnenhüte, Mädchenaugen, Sonnenbräuten, Staudensonnenblumen und Ähnliches. Zu all diesen Pflanzen bilden ausreichend hoch wachsende Dahlien perfekte Ergänzungen. Besonders spannend finde ich, dass Dahlien durch ihre Dauerblüte ab Hochsommer immer präsent sind und sich so gut zu den wechselnden Protagonisten aus dem Prachtstaudenreich in Szene setzt. Auch zu Lilien, die als winterharte Blumenzwiebelgewächse fantastische Blütenhöhepunkte im Staudenbeet bilden, sind Dahlien wunderbare Partner. Hier ist der Dahlienhimmel also offen.

Darüber hinaus finden sich auch noch ganz andere Einsatzmöglichkeiten für die unkomplizierten Blumen aus dem Reiche Montezumas: Gräserbeete. Gemäß dem legendären und zeitlosen Gestaltungsprinzip von Karl Foerster, der „Harfen und Pauken“ als Pflanzennachbarn empfiehlt, lässt sich hier vorgehen. Während die filigranen Gräser die optischen Harfenklänge ertönen lassen, hauen Dahlien auf die Pauke. Selbst die großen Schmuck-Dahlien und Kaktus-Dahlien sind hier vorzüglich einsetzbar. Sie nehmen es beispielsweise mit mittel- bis großwüchsigen Gräsern locker auf. Die Palette der Dahlien-Schlaginstrumente im Blumenorchester ist aber wesentlich reichhaltiger. Hinreißend neben Gräsern zeigen sich etwa  kleinblumige Balldahlien oder Pompondahlien – die übrigens in England auch „drumsticks“, also „Trommelstöcke“ genannt werden.

Das Schöne ist außerdem, dass inmitten von Gräsern die gesamte Pflanzengestalt der Dahlie bestens zur Geltung kommt. Geschlitztes oder farbiges Laub tritt ebenso in Erscheinung wie  raffiniert aufgebaute einfache oder nur locker gefüllte Blüten. Wenn inmitten halbhoher bis niedriger Gräser ein Pulk der tomatenrot blühenden, dunkel rotbraun beblätterten ‘Bishop of Llandaff‘ aufleuchtet, ist Begeisterung vorprogrammiert. Beide Pflanzengruppen steigern sich in ihrer Faszination. Und wer es etwas subtiler in der Farbgebung mag – bitte sehr: Es gibt ja noch weitere „Bishop-Dahlien“ die in anderen Farben funkeln und ähnlich wachsen.

Dahlien sind weit mehr als nur Lückenfüller für Blütenflauten im Beet. Im Gegenteil! Sie können zu tragenden Elementen ganzer Gartenteile werden – die Wirkung ist so immens, dass es wenig ins Gewicht fällt, die alljährlich im ausgehenden Frühling zu setzen und nach den ersten Frösten wieder aufzunehmen und im Winterquartier zu lagern. Es gibt nichts Schöneres als im Frühling neue Gartenbilder zu planen, die sich bereits im ersten Sommer so vollendet zeigen – Danke, Dahlie!


Text und Fotos: Andreas Barlage