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Ökotop Jamlitz

Das Ökotop bezeichnet die räumliche Ausdehnung eines Ökosystems und seine abiotischen Bestandteile, es definiert ein begrenztes Areal, in dem bestimmte Umweltfaktoren wirken. So steht es bei der Agentur für Naturschutz. Und ergänzend: Das Ökotop als kleinste natürliche Einheit der Landschaft, bildet die Grundlage für kreative Gestaltungsprozesse.

So betrachtet könnte ich das Jamlitzer Areal als ein Ökotop bezeichnen, es aber genauso gut in 10 Ökotope aufgliedern. So ist das Großklima zwar einheitlich, doch das Kleinklima extrem unterschiedlich, im Wald kühl und feucht, an und auf den Mauern heiß und trocken, im Bereich nördlich des Hauses anders als im Süden. Auch unterscheiden sich die Lichtverhältnisse stark. Der Garten ist zwar nach Süden ausgerichtet, doch erscheint die Sonne erst am späten Vormittag, abgehalten durch den Wald. Am Nachmittag werfen benachbarte Eichen bald ihre Schatten. Und doch gibt es hier und da ein paar besonders sonnige Flecken. Der Boden ist auf dem gesamten Grundstück sandig und dennoch durch unterschiedlich intensive Bewirtschaftung in manchen Bereichen humoser, kalkhaltiger, ja sogar leicht mit Tonpartikeln durchsetzt.

Was mir auffällt: Das Ökotop von heute kann nicht das Ökotop von morgen sein. Unbeschreibliche Veränderungen vollziehen sich in kurzer Zeit.

Der Garten im ständigen Wandel

Wieso gab es vor 12 Jahren auf dem Jamlitzer Grundstück so viele Duftveilchen, dass man sie von weitem riechen konnte? Jetzt sind sie eine Rarität! Vor 15 Jahren bemühte ich mich, den gewöhnlichen Fingerhut anzusiedeln. Man muss ihn ja eigentlich nur aussäen und zwei Jahre warten. Aber er wollte nicht kommen. Jetzt ist er da, blüht an den verschiedensten Stellen im Garten und samt sich reichlich aus, selbst in Mauerritzen.

Warum wächst das Immergrün am Waldrand unter dem Flieder so üppig und versagt an einem Platz nur zehn Meter entfernt? Warum breitet sich Ruta graveolens in der Nähe des Hauses geradezu üppig aus, lässt sich aber auf Beeten, die ich dafür vorgesehen hatte, nicht ansiedeln? Wie kommt es, dass es bei meinem Großvater immer ein paar Eselsdisteln gab, große silbergraue Gestalten, Monumente im Garten, es mir aber bislang nicht gelungen ist, auch nur eine davon großzuziehen?

Merkwürdiges vollzieht sich auch im Wald. Früher ein reiner Kiefernwald, sind die Kiefern jetzt in der Defensive. Und weil sie das spüren, samen sie sich im Garten aus. Es gibt kaum einen Quadratmeter Gartenland ohne ein- und zweijährige Jungkiefern. An manchen Stellen konnte ich Dutzende zupfen. Sie lassen sich leicht aus dem Boden ziehen. Kiefernsamen, die unter die Mutterbäume fallen, können dort wegen Lichtmangels nicht keimen. Schatten werfen die unzähligen Spitzahorne, die Verdränger. Und so würde sich der Kiefernwald in den lichten Garten hin ausbreiten, verhinderten wir es nicht. Aber noch eine Absonderlichkeit ist im Wald zu beobachten: seit ungefähr 10 Jahren wachsen dort zu Dutzenden Eiben. Als Schattenbäume kommen sie gut zurecht. Die Samen werden offensichtlich von Vögeln verbreitet, die die roten Früchte verzehren. Die Muttereiben stehen in benachbarten Gärten, runde Büsche, Heckeneiben, Säuleneiben. Im Wald kann man nun entsprechende Wuchsformen finden. Neu im Wald ist auch der Efeu. Bäume werden erobert, aber auch in die Fläche wächst er reichlich.

Der Jamlitzer Garten, und das trifft wohl für die meisten Gärten zu, ist äußerst lebendig. Dazu gehört ein ständiger Wandel, neues kommt hinzu, manches stirbt, die äußeren Faktoren verändern sich. Man kann diesen Wandel freilich unterbinden. Ständige Pflegemaßnahmen, Baum- und Heckenschnitt, Nachpflanzen bei Verlusten, Gießen bei Trockenheit und so weiter. Dazu ist aber eine fortdauernde Anwesenheit notwendig und der Wille, das Walten der Natur zu bremsen oder gar auszuschalten.

Als stärkster Faktor bei den Veränderungen stellt sich immer mehr die Witterung heraus. War der Sommer früher durchgehend warm und sehr trocken, ist er jetzt unzuverlässig, einmal trocken, einmal feucht, sogar mit Starkregen (176 mm in 1 ½ Stunden!). Recht zuverlässig fror es noch vor Jahren um den 20. September zum ersten Mal. Dieses Jahr erst Ende Oktober. Der zweite große Faktor ist das Wachstum der Gehölze. Nicht nur, dass sie das Licht reduzieren, auch die Durchwurzelung des Gartens eskaliert. Flieder und Pfaffenhütchen sind unangenehme Wurzler und Schösslingstreiber. Aber auch Kiefernwurzeln stoßen bis weit in den Garten vor.

So ist das Ökotop nur die Gesamtaufnahme eines Augenblickes. Die abiotischen und die biotischen Faktoren sind einem ständigen Wandel unterworfen. Die Frage ist, kämpft man dagegen an, oder passt man sich an? Im Prinzip friedfertig veranlagt, beobachte ich und lasse die Natur walten.


Text und Fotos: Christian Seiffert