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Nieswurz und Adonisröschen

Bis vor vier Tagen sank nachts, unter einem grandiosen Wintersternhimmel, die Temperatur noch weit unter den Gefrierpunkt ab. Und tagsüber blendender Sonnenschein, am Mittag einige Plusgrade. Überall hörte man: "Endlich Sonne! Welch ein Wetter!" Dem Gärtner standen aber die Sorgenfalten auf der Stirn: Kräftiger Nachtfrost und starke Wintersonne sind die perfekte Giftmischung, vor allem für die mediterranen Kräuter.

Apropos Gift: Seit den vergleichsweise milden Tagen im Januar steht die Palmblättrige Nieswurz (Christrose) Helleborus foetidus in voller Blüte, mit hellgrünen, rot geränderten Glocken in großen Büscheln. Das glänzend dunkelgrüne Laub, das tatsächlich, tief geschlitzt, an Palmwedel erinnert, hielt sich die ganze Zeit über gut und bildet einen markanten Winterblickpunkt. Bei stärkerem Frost sanken die hohen Blütentrauben ein wenig in sich zusammen, jetzt haben sie sich wieder aufgerichtet und sind das Auffälligste, was der Kräutergarten im Vorfrühling zu bieten hat.

Alle Helleborus-Arten sind stark giftig, haben eine narkotisierende und berauschende Wirkung, die man keinesfalls ausprobieren sollte. In der Antike, heißt es, wurde ein Absud in Wein als Mittel gegen Geisteskrankheiten gereicht, und den Hexen in der frühen Neuzeit wurde nachgesagt, sie hätten Schwarze Nieswurz – Helleborus niger, die weiß blühende Christrose – in ihre Salben gemischt. Paracelsus soll mit getrockneten Nieswurz-Blättern ein "Elixier für langes Leben" zubereitet haben. Man kann nur warnen …

Der andere Blickpunkt im noch kaum begrünten Garten – die Wildkrokusse lasse ich beiseite – ist das Amur-Adonisröschen Adonis amurensis, mit satt grünen, sehr fein gefiederten Blättern und vielen leuchtend gelben Blüten. Auch dieses Heilkraut steht bei mir im Hexenwinkel mit den Zauber- und Giftpflanzen. Denn die Pflanze liefert, wie ihre einheimische Verwandte, das Frühlings-Adonisröschen Adonis vernalis, zwar wichtige Substanzen für Herzmittel, ist aber – wie Fingerhut oder Maiglöckchen – sehr giftig. Sie zieht im Sommer ein, aus dem starken Wurzelstock treibt es aber schon sehr früh aus.
Der Name Adonisröschen passt eigentlich nicht genau für diesen schönen Frühjahrsblüher. Denn nach der antiken Überlieferung war es eine andere Art, Adonis aestivalis, das purpurrot blühende Blutströpfchen, das aus der Erde spross, als der schöne Adonis, von einem Eber verwundet, in den Armen Aphrodites starb.


Text und Fotos: Ludwig Fischer