header

Neue Zeiten!

Ist das eigentlich immer noch so, dass wir England als Maß aller Dinge betrachten, wenn es um Gartengestaltung und -kultur geht? Zweifellos ist die Jahrhunderte alte Gartenleidenschaft der Engländer nach wie vor ungebrochen, und die Pilgerströme begeisterter Gartentouristen aus aller Welt versiegen keineswegs.

Aber es wäre doch langweilig, wenn sich nicht auch anderes böte, oder?

Gut, dass wir mittlerweile auch diesseits des Kanals zu einem gartenkulturellen Selbstbewusstsein gefunden haben, das eine innovative, charaktervolle Gestaltungsvielfalt hervorgebracht hat, die auch im Mutterland der Gärten Anerkennung, inzwischen sogar Nachahmer findet.

Wie mühsam die Anfänge dieser Entwicklung waren, ist heute kaum mehr vorstellbar. Lange Zeit kämpften die ersten "Andersdenkenden" zäh und wenig erfolgreich für ihre damals geradezu revolutionär empfundenen neuen Ideen. Der zumindest hierzulande wohl bekannteste Vorreiter neuen europäischen Pflanzendesigns dürfte der Holländer Piet Oudolf sein. Die klassischen, opulenten Beete nach englischem Vorbild empfand er als überladen, zu bombastisch und irgendwie antiquiert. Er wollte mit gesunden, naturnahen Stauden und Gräsern gestalten, völlig neue Wege gehen, großzügige, natürlich anmutende Bilder schaffen. Lange, magere Jahre waren durchzustehen, in denen kaum jemand seinen und den Visionen einer Handvoll Gleichgesinnter folgen mochte, bis sich das Blatt endlich wendete.

In den frühen 1990er Jahren war es auf einmal so, als sei ein Damm gebrochen. Planer und Gestalter schwangen sich ein auf die neue "Freiheit", wagten Entwürfe mit nie zuvor verwendeten Pflanzen, die nun zunehmend angeboten wurden. Oudolf musste in der Anfangszeit notgedrungen alles in der eigenen Gärtnerei heranziehen, denn niemand kultivierte, was er sich für seine Kompositionen wünschte.

Wer hätte auch damals nur einen Pfifferling darauf gewettet, dass die gerade wegen ihres ursprünglichen Charakters geschmähten Wildstauden und deren nur wenig züchterisch bearbeitete Auslesen dereinst zum Gerüst einer neuen Pflanzästhetik taugen könnten, und das mit ihnen verbundene Nachbilden natürlicher Pflanzengemeinschaften immer mehr dem ästhetischen Empfinden der Zeit entsprechen würde?

Zu meinen - zugegeben vielen - Lieblingen in diesem neuen Pflanzen-Reigen gehören die zarten, Charme und unbeschwerte Leichtigkeit ausstrahlenden Wiesenknöpfe. Längst ist die vielgestaltige Gattung Sanguisorba aus dem Repertoire der Staudengärtnereien nicht mehr wegzudenken. Bevor wir sie für unsere Gärten entdeckten, wuchs sie nicht weniger munter an vielen Naturstandorten in gemäßigten Gebieten der Nordhalbkugel in Eurasien und Nordamerika. Die züchterische Bearbeitung gestaltet sich unkompliziert, das dürfte ihre Karriere als Gartenstaude zusätzlich befördert haben. Die auflaufenden Sämlinge der vermehrungsfreudigen Gesellen sollte man allerdings beizeiten entfernen, besonders, wenn neben Wildformen wertvolle Sorten im Garten aufgepflanzt wurden - ihre guten Eigenschaften lassen sich nur mittels vegetativer Methoden rein erhalten.

Mit ihren gefiederten, gezähnten Blättchen und den zierlichen Blüten, die sich je nach Art mit aufrechten K(n)öpfchen oder überhängenden, walzenförmigen kleinen Ähren in einer Farbpalette von Weiß über Grün, Rosa, Violett bis hin zu dunklem Rostrot schmücken, sorgen Wiesenknöpfe in Pflanzungen für beschwingte Fröhlichkeit. Das Spektrum der Arten und Sorten ist groß: Die tiefrot blühende kleine 'Tanna' ist ein kompakt wachsendes, überreich blühendes Zwerglein von nur 40 cm Höhe, während die große "wilde" Schwester Sanguisorba officinalis ihre braunroten Blüten gern erheblich höher trägt. Die nickenden weißen Blütenähren von S. tenuifolia var. alba 'Albiflora' scheinen zwei Meter hoch über dem Beet zu schweben.

Ganz anders präsentiert sich der interessante, selten zu sehende und ebenfalls weiß blühende kanadische Wiesenknopf (Sanguisorba canadensis), er bringt durch straff aufrechten Wuchs, markante walzenförmige Blütenstände und attraktives blaugrünes Laub eine kräftige Vertikale ins Beet. Gefällt dem "Kanadier" der Standort, wächst er weit über seine durchschnittliche Höhe von 1,20 Meter hinaus. In der nährstoffreichen, gut Feuchtigkeit haltenden Erde unseres Gartens erreicht er leicht stolze zwei Meter und mehr, hat hier also sogar das Zeug zum Struktur schaffenden Solitär.

Die Auswahl an erhältlichen Größen, Farben und Blütezeiten wächst allerdings so rasch, dass man gern nachvollziehen würde, wie so viele Neulinge nach erstaunlich kurzer Zeit Sortenstatus erlangen konnten. Da sollten wir Kunden ruhig mal kritisch nachfragen und um Beratung bitten.

Allen Arten und Sorten, ob Neuankömmling oder alt gedient, ist jedenfalls eines gemeinsam: Am wohlsten fühlen sie sich auf nicht zu trockenen, lehmigen und lehmig-sandigen Böden. Gutmütig nehmen sie allerdings auch weniger ideale Bedingungen in Kauf. In niederschlagsarmen Jahren wachsen sie dann vielleicht ein wenig schüchterner - sehen Sie’s Ihnen nach, schön sind sie trotzdem!

Ach ja, diesen besonders genügsamen "Kleinen" kennen wohl die meisten von Ihnen, ich will ihn aber doch kurz erwähnen, denn wer ihn wirklich noch nicht im Garten hat, sollte wissen, dass er uns nie enttäuscht, der heimische Kleine Wiesenknopf (Sanguisorba minor) - manchen vielleicht besser bekannt als Pimpinelle. Reich an Vitamin C, von angenehm erfrischendem Geschmack, ist er sogar meist wintergrün. Vom nährstoffreichen, eher feuchten Milieu bis hin zu mageren, trockenen Kalkstandorten ist ihm alles recht. Und hübsch ist er außerdem!

Für heute macht die Gärtnerin Feierabend - bis zum nächsten Mal!


Text und Fotos: Angelika Traub