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Nelken

Zu den tragischen Gestalten hinsichtlich der Publikumsgunst gehören zweifelsohne die Nelken. Kaum eine Blume war jahrzehntelang unerhört beliebt und erlebte danach den jähen Absturz. Im Westfalen der 60er Jahre gehörten großblumige Edelnelken nochzu den Stars in den Blumenläden. Wenn Rosen zu viel sagten als gemeint (oder schicklich) war, griff man eben zu den unverfänglicheren, aber ebenfalls prachtvollen Nelken. Ich kann mich gut erinnern, dass in unseren Vasen aus Delft-Blau Porzellan fast immer Nelken mit Asparagus standen. Doch die Nelke kam in die Jahre. Wie eine alte Dame auf einem Ball trauerte sie ab den 70er Jahren melancholisch als geduldeter Restposten in den Floristik-Auslagen ihrer Glanzzeit hinterher. In den 70er Jahren kamen zwar Mini- oder Spraynelken auf, die den Nelkenverdruss ein wenig verlangsamten – doch aufhalten ließ er sich nicht. In den 80er und 90er Jahren versuchten die Schnittblumenproduzenten die Nachfrage durch die Einführung orangener, violetter oder sonstwie "neuer" Farben zu befeuern. Doch auch das nutzte nichts. Man hatte sich Ost wie West an dieser Blume einfach satt gesehen.

Das Schicksal der Schnittblume scheinen auch die Gartennelken etwas zu teilen – wenn auch nicht ganz so offensichtlich. Nie werde ich meine erste Gartenbegegnung mit Nelken vergessen. Damals verkaufte man in der kleinen Gärtnerei auf der gleichen Straße in der ich wohnte im April und Mai noch vorgezogene Sommerblumen und Zweijährige – unter anderem auch so genannte Landnelken (Dianthus caryophyllus). Es handelte sich um graugrüne, grasartige Büschel, die meine Mutter mich bat, in unseren Garten zu setzen. Sehr bald streckten sich die Triebe und es erschienen die typischen Nelkenblüten mit den markanten großen Kelchblättern, die wie eine Tüte zusammen gewachsen waren. Die Blütenform war ebenso unterschiedlich wie die Farbe – ich lernte sowohl gefüllte als auch einfache Blüten kennen. Die ganz fein gemaserten und gestrichelten Blüten in Rosarot bis Weiß gefielen mir am allerbesten, der Füllungsgrad war mir völlig egal. Und die Krönung dieser Nelkenwonne war der herrliche süß-pfeffrige typische Nelkenduft. Dieser ist vielen Schnittnelken leider abhanden gekommen. Der Landnelkenduft erfüllte Garten und Zimmer und ich verstand, dass der botanische Name sie zur Blume des Zeus erhob – Ambrosia kann nicht besser duften. Es waren vor allem der Duft, der mich in Liebe entbrennen ließ. Hinzu kam ihre Vitalität auf dem sandigen Boden. Nelken lieben es nämlich durchlässig und sonnig. Diese Grundlagen konnte ich ihnen in Westfalen leicht bieten. Ich bekam heraus, dass sich Landnelken leicht aus Samen heran ziehen lassen und experimentierte mit weiteren Arten herum. Besonders einfach gestaltete sich das Unterfangen mit Bartnelken (Dianthus barbatus). Allerdings waren diese seinerzeit nur in einer Farbmischung erhältlich und ihr rustikaler Charme vertrug sich wenig mit meiner damaligen Vorstellung eines Prachtgartens. Ich war eine ganze Weile darauf fixiert, von jeder im Garten verwendeten Pflanze nur farbreine Gruppen zu platzieren – in jungen Gärtnerjahren will man schließlich noch ordnen und sortieren. Und so konnte ich mein Glück kaum fassen, als ich bei einem der ersten Gartenfestivals auf dem europäischen Festland im niederländischen Beekestijn eine Saatguttüte von 'Sooty' zu fassen bekam. Die Blütenstände waren einheitlich schwarzrot – und nach dem ersten Winter stellte sich heraus, dass die Blätter sich ebenfalls in einen tiefen Rotton verfärbt hatten. Seither war ich immer besorgt, dass mir das Sooty-Saatgut ausgehen würde, denn nichts passte mir besser neben rotlaubigen Heuchera und dunklen Bartiris. Ansonsten waren mir Nelken eine ganze Weile lang erschreckend egal.

Ich zog bekanntlich mehrmals in meinem Leben um, und die fast immer schwereren Böden  in Stuttgart, Porta Westfalica, Neuss und Bielefeld stellten mich vor völlig andere Herausforderungen als der gewohnte Sandboden Ostwestfalens. Für Nelken sanken die Chancen in meinem Garten Fuß zu fassen, je schwerer mein Gartenboden wurde. Es war im mergelig-lehmigen Porta Westfalica, wo ich die Nelken neu entdeckte und seither nicht mehr von ihnen loskomme. Der Garten hatte eine Hanglage – drei terrassierte Gartenstücke wurden von kleinen Hängen abgefangen, verbunden durch jeweils eine kleine Steintreppe. Alle diese Hänge lagen sehr sonnig. Offenbar war der Boden durch die vielen Steine durchlässig genug, dass es Nelken darin gefiel, denn ich hatte einmal die Sorte 'Miss Sinkins' darin gepflanzt, die sich bestens machte. Jedes Jahr im Mai setzten die fedrigen, gefüllten Blüten dort ihre Akzente – und zwar durch ihre Blütenpräsenz als durch ihren Duft. Es ist kaum zu beschreiben, wie betörend es ist, durch Nelkenduftwolken zu wandeln. So manches Mal setzte ich mich auf eine der Treppenstufen, nur um die nelkentypisch angereicherte Sommerluft einzuatmen. So kann man gleichzeitig die Zeit vergessen, im Hier und Jetzt sein. 'Miss Sinkins' gehört zu den Sorten von Dianthus plumarius, den Federnelken,und hatte noch eine Eigenheit: Ihre Kelchblätter rissen bei den offenen Blüten oft ein und die Blüte sah etwas zerzaust aus – in dieser Hinsicht gebärdet sich die ansonsten ziemlich ähnliche 'Maischnee' deutlich ordentlicher. Aber der "Schlitz im Kleid" hatte etwas… . Leider musste ich feststellen, dass nicht alle Federnelkensorten so gut dufteten, einige waren sogar in dieser Hinsicht sprachlos. So gewöhnte ich mir an, Nelken nur auszuwählen, wenn ich sie selbst erschnuppern konnte und treibe mich seither auf frühsommerlichen Gartenfestivals an den Staudenständen herum und stecke meine Nase in sämtliche Nelkenangelegenheiten. Wundervoll, was einem da alles so begegnen kann – etwa die entzückende 'Badenia', die zu den insgesamt feiner bleibenden Varianten von Dianthus gratianopolitanus gehört. Die pinkfarbenen Blüten sind sehr zierlich, aber unübersehbar! Alle Rosatöne bishin zum kräftigen Pink sind sozusagen die Hausfarben der Nelken. Kein Wunder, dass die polsterigen Gartenformen in England "Pinks" heißen, während die in (fast) allen Farben schillernden Edelnelken aus dem Geschäft unter dem Namen "Carnations" laufen. Über die allerorten angebotenen Pöttchennelken, die ebenfalls in einer riesigen Farbenpalette im Mai gemeinsam mit Sommerblumen in vielen Gartencentern vortäuschen brauchbare Gartenpflanzen zu sein schweigt an dieser Stelle des Sängers Höflichkeit.

Andere Nelkenarten bereicherten meinen Garten mehr oder weniger lange, etwa die hübsche Heidenelke Dianthus deltoides, die sich sogar selbst aus Samen immer wieder neu regenerierte. Doch den balsamischen Wohlgeruch finde ich immer wieder am liebsten bei den Polstern, beim Zeus!


Text und Fotos: Andreas Barlage