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Mit Pflanzen alt werden

Aus einem Haselnuss-Strauch wird ein Haselnuss-Baum, wenn – ja wenn man ihn nur lange genug wachsen lässt, ihn nicht „verjüngt“. Unser Haselbaum steht nun 33 Jahre am Rande eines stark abfallenden Gartenareals und hält das Gelände fest. Ihm gegenüber stehen drei Kiefern aus der Oberpfalz, die uns ein Naturfilmer verehrte. Aus den „niedlichen“ Bäumchen wurden Bäume, die das Haus überragen. Zwischen die Kiefern wurde vor ca. 25 Jahren ein Goldregen gepflanzt, Laburnum x watereri 'Vossii'. Der Goldregen wetteifert mit den Kiefern und dem Hasel, und seine Blüte gehört zu den besonderen Frühsommerfreuden, hoch oben im Geäst der anderen Gehölze. Kiefer und Goldregen, das erinnert sehr an Landschaften südlich der Alpen.

Zwei weitere Gehölze mit Geschichte darf ich nicht unerwähnt lassen. Bei einem Arbeitsbesuch in England vor 30 Jahren nahm ich ein paar Kletterrosen-Hagebutten mit und auch Früchte einer Eibe. Dass ich mir dabei zwei Giganten einhandelte, war nicht vorherzusehen. Die Rose gibt sich mit 6 m am Haus nicht zufrieden, ist jetzt in den benachbarten Haselbaum geklettert. Eine Multiflora-Rose? Ihre Blüten sich halbgefüllt, duften lieblich, leicht nach Zimt und sind in dichten Blütendolden gebündelt. Eiben können nicht nur viele hundert Jahre alt werden. Sie wachsen auch sehr schnell. Die englische Eibe geht nur wenig in die Breite, dafür mächtig in die Höhe. Ein Männchen übrigens, der Blütenstaub im Vorfrühling gleicht einem Sandsturm.

Das Staunen über alte Stauden

Nun ist es nicht so, dass nur Gehölze alt werden. Verschiedene Stauden verharren seit Jahrzehnten am selben Platz im Garten und werden entsprechend mit Ehrfurcht und Sorgfalt gehegt und gepflegt. Im Senkgarten eröffnet jedes Jahr eine Paeonia tenuifolia den Päonienreigen. Es handelt sich um die Wildart, wie sie z.B. im Donaudelta wächst. Ihr gegenüber blüht zwei Monate später eine Graslilie, Anthericum ramosum. Sie ist von enormer Stabilität, hat einen großen Horst gebildet, sich aber generativ nicht vermehrt. im Schatten der Eibe und einer benachbarten Garage steht seit 30 Jahren ein Waldgeißbart, Aruncus dioicus. Dioicus heißt zweihäusig, ein Merkmal, das diese große Staude über 20 Jahre lang deutlich zur Schau stellte. So lange blieb jeglicher Nachwuchs aus. Erst dann gelang von irgendwo her Pollen auf die Aruncusblüten. Und nun existieren ein paar neue Geisbärte. Zu den Stauden, die an ein und demselben Standort so alt geworden sind gehört auch ein hoher Phlox, Phlox paniculata. Die 'Landhochzeit' wurde 1986 gepflanzt, zur selben Zeit und in der Nähe eines hochstämmigen Boskoop. Aus dem Boskoop ist ein raumgreifender Baum geworden, der Phlox hat sich auf 2 qm ausgebreitet, auf denen er seit längerem bei voller Gesundheit verharrt. Erwähnenswert ist diese 1949 von Karl Foerster gezüchtete Sorte aus einem weiteren Grund. Ich pflanzte ein Teilstück an einen vollsonnigen Platz. Hier zeigte sich die 'Landhochzeit' farbfreudiger, dafür etwas niedriger. Auch sind in der Sonne die Stiele viel rötlicher als im Schatten des Apfelbaumes. Auf diese Merkmale hatte „KF“ sicher wertgelegt. Dass die Sorte auch schattenverträglich ist und dann ein anderes Bild abgibt, ist immerhin bemerkenswert.

Zu guter Letzt noch ein Gehölz, ein Zwerggehölz, das uns nun auch schon 30 Jahre lang erfreut und natürlich nie verpflanzt wurde: Unser alter Lavendel, die Stamm-Mutter der Sorte 'Jamlitz'.

Pflanzen, mit denen man 25, 30 oder mehr Jahre lebt, entwickeln ein besonderes Verhältnis zum Gärtner. Oder ist es umgekehrt? Nie würde mir einfallen, sie auszugraben und zu verpflanzen, schon allein, weil sie das nicht überleben würden. Mag es auch manchmal eine Umgestaltung des Gartens behindern, alte Stauden und Gehölze haben das Vorrecht; nach ihnen hat sich die übrige Gestaltung zu richten.
Und noch eins: man ist ja auch zusammen mit diesen Gartenwesen älter, bzw. alt geworden!


Text und Fotos: Christian Seiffert