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Mein kleiner Artemisien-Dschungel

"Dschungel" ist natürlich maßlos übertrieben – allenfalls für Hänschen im Blaubeerwald (wer kennt noch das Kinderbuch vom Hans, der zu einer Zwergengröße verzaubert wird und unter Blaubeersträuchern wie unter Bäumen spaziert?) wäre das Areal mit den Artemisien in meinem Garten ein undurchdringlicher Wald.

Aber jetzt im August haben Wermut, Beifuß, Estragon & Co. ihre volle Höhe erreicht, und manche sind zu ausladenden Büschen oder dichten Horsten heran gewachsen. Auf gerade einmal zwanzig Quadratmetern stehen fast zwei Dutzend Artemisien zusammen, und schon die verschiedenen Formen und Farbspiele des Laubs verleihen der Gruppe eine aparte und gerade im Spätsommer faszinierende Schönheit.

Den stärksten Akzent setzt zunächst der Wermut A. absinthium im Hintergrund: fast zwei Meter hoch, mit silbrigem, gefiedertem Laub und nun auch der Unzahl von kleinen, knopfartigen Blüten an den Triebenden; nur in der Mitte schimmert, wenn man näher heran tritt, das gelbe Blüteninnere hervor. Direkt daneben die mit wunderbar cremeweißen Rispen blühende Elfenraute A. lactiflora. Sie darf sich bei mir in die Gruppe einmischen, obwohl sie für die Küche oder für Heilzwecke nicht zu verwenden ist. Das gilt auch für die Sorte 'Guizho' mit dunklerem, gefiederten Laub und etwas blasseren Blüten.

Auch der relativ zarte Französische Estragon A. dranunculus var sativus ist nun ein stattlicher Horst und ebenfalls mit winzigen Blütenknöpfen über und über besetzt. Vermehren lässt er sich freilich nur durch Teilung der Wurzeltriebe. Er gehört mit seinem milden, feinen Aroma zur Grundausstattung an Küchenkräutern.

Zur Hecke hin fasst Beifuß A. vulgaris das Artemisienbeet ein, das heimische "Allerweltskraut", das auf jedem Schuttplatz und Straßenstreifen wächst, aber mit dem dunklen, an der Unterseite hellen Laub auch im Garten schmückt.

Entscheidend für die Wirkung der Artemisiengruppe sind die Arten mit silbrigem oder fast weißem Laub – die verschiedenen Sorten der Silberraute A. ludoviciana, etwa die Sorte 'Valerie Finnis' mit tief geschlitzten Blättern oder die Polster-Filzraute A. stelleriana 'Mori', die sich mit niederliegenden Trieben ausbreitet. Im Vordergrund drängt sich ein dichter, zwei Spannen hoher Bestand des Römischen Wermuts A. pontica, ganz fein gefiederte, grau-silbrige Blätter, die ein etwas weniger bitteres Aroma haben.

Er steht in einem eingelassenen Maurerkübel, weil sich die zarte Pflanze gnadenlos ausbreitet, wie manche Artemisien. Und zwischen Estragon und Eberraute A. abrotanum behauptet sich mit silbernen, fein ziselierten Polstern A. schmidtiana 'Nana' – leider nicht ganz winterfest.
Die Eberraute bildet den Eingang zum Artemisiendschungel – wenn man an ihr vorbei geht und mit der Hand über das Fiederlaub streicht, bekommt man Dufterlebnisse der besonderen Art. Ihre zitronige Variante A. abrotanum 'Citrina' wirkt auf manche Nasen weniger provokant.
Die Artemisien demonstrieren jetzt auf eine unübersehbare und ganz eigene Weise, wie sich im Kräutergarten das Nützliche mit dem Schönen verbinden kann.


Text und Fotos: Ludwig Fischer