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Mauerpflanzen

Noch vor dem ersten Weltkrieg ließ mein Großvater das nach Süden abfallende Grundstück in Jamlitz mit Klinkermauern in Terrassen untergliedern. 100 Jahre sind darüber hingegangen, manche Mauer musste inzwischen ergänzt oder erneuert werden. Doch je älter solch eine Mauer wird, desto lebendiger scheint sie zu werden. Insekten, Schnecken, Algen, Moose aber auch Blütenpflanzen besiedeln die Klinker, vor allem aber wohl die porös werdenden Mörtelschichten.

Tiere klettern die Mauer empor, die Sporen von Moosen, Algen und Flechten bringt die bewegte Luft. Es stellt sich die Frage, wie die Samen der Blütenpflanzen da hinauf gelangen. Nun, manche Pflanzen werfen mit den Samen um sich, andere lassen “Fallschirmsamen” fliegen. Aber reicht das, um Pflanzen in die Mauern zu säen?

Den kuriosesten Standort einer Mauerpflanze kann man in Dießen am Ammersee besichtigen. Im Umfeld des Marienmünsters gibt es einen gewölbten Durchgang, in dem Gelber Lerchensporn von der Decke herabhängt, mit den Blüten nach unten! In Oberitalien fand ich ihn im Dämmerlicht eines Höhleneingangs. Der Gelbe Lerchensporn, Pseudofumaria lutea, liebt das Gestein und vor allem Kalkstein. Und er ist eine Schatten- bzw. Halbschattenpflanze.

Zurück nach Jamlitz. Zur engeren Verwandtschaft des Lerchensporns gehört das Schöllkraut. Beides sind Mohngewächse. Schöllkraut, Chelidonium majus,  kommt auf dem jamlitzer Grundstück vor allem im Wald vor, im sonnigen Gartenbereich aber auch auf den Mauern. Vom Schöllkraut weiß man, dass die Samen von Ameisen transportiert werden. An den schwarzen Samen haftet ein fleischiges, weißes Anhängsel, das die Botaniker “Elaiosom” nennen (griech.: Ölkörper). Dieses fett- eiweiß- und vitaminreiche Anhängsel wird von den Ameisen sehr geschätzt. Sie bringen die Samen in ihren Bau, trennen dort das Elaiosom vom Samen und befördern den für sie nutzlosen Samen danach wieder ins Freie. Der gleichen Methode sich in der Landschaft auszubreiten bedienen sich 30 bis 40 Prozent unserer heimischen Flora. Zum Beispiel die Veilchen, die Schneeglöckchen, die Scilla aber auch das Leberblümchen und die Walderdbeere.

Zu Füßen der Weinrebe, vor einer alten Mauer hat sich eine südalpine Pflanzengesellschaft angesiedelt. die Spornblume Centranthus ruber, Origanum vulgare, Osterluzei – Aristolochia clematitis, Steinquendel – Calamintha nepeta, die Weinraute – Ruta graveolens, Thymiane und Tripmadam – Sedum reflexum geben sich dort ein Stelldichein. Einige wie das Origanum und der Steinquendel sind auch in die Mauer aufgestiegen. Der Steinquendel dort, Calamintha nepeta, steht jetzt Anfang November in voller Blüte. Ein schöner Anblick, seine hellvioletten Blüten vor dem Braunrot der Klinker.

Eine besondere Überraschung bereitete uns im vorigen Jahr Feldsalat, Valerianella locusta. Auch er wuchs plötzlich in der Mauer hinter der Weinrebe, blühte dort und hat für reichen Nachwuchs gesorgt.

Das größte zusammenhängende Areal mit Fingerhut, Digitalis purpurea, entdeckte ich bei einer Fahrradtour durch die Vogesen. Auf einem Kahlschlag blühten die Fingerhüte dicht bei dicht. Die Vogesen sind ein “saures” Gebirge, bestehen aus Graniten, Gneisen und Bundsandstein. Entsprechend unterscheidet sich die Flora deutlich von jener der Kalkgebirge. Jamlitz, so vermutete ich, ist also wie geschaffen für Fingerhut. Aber es brauchte viele Jahre, bis er sich allmählich auszubreiten begann. Und nun wachsen einige Pflanzen sogar in einer alten Mauer. Das hat nun keinerlei Ähnlichkeit mit den Bedingungen in den Vogesen.

Bringt es für die höheren Blütenpflanzen einen Vorteil, sich in einer Mauer anzusiedeln? Oder sind die Pflanzen rein zufällig dorthin gekommen? Beides stimmt. Gestein bringt den Pflanzen – immer unter der Voraussetzung, dass sie mit ihren Wurzeln tiefer eindringen können und nicht schon als Sämling verdorren – eine Menge Vorteile: Steine halten ihnen die Konkurrenz anderer Pflanzen vom Leibe. Steine gleichen die Temperatur aus, schützen den Wurzelraum vor Hitze, geben nachts die Wärme ab. Unter den Steinen bleibt es feucht, der Wurzelraum trocknet nicht aus. Schließlich sind Steine eine ständige, sehr langsam fließende Quelle diverser Spurenelemente.


Text und Fotos: Christian Seiffert