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Maiglöckchen – Convallaria majalis

Wer kennt es nicht, das romantische Waldgewächs, das jeden Betrachter durch seine Schlichtheit und den unverfälschten Charme verzaubert? Diese Pflanze gehört zu den ersten Blumen, die ich als Kind kennen lernte. Warum? Ganz einfach – es handelte sich um die Lieblingsblume meiner Mutter, die übrigens pünktlich am 1. Mai Geburtstag hatte.
Als Kind war ich immer pleite, denn Taschengeld gab es erst, als die Grundschule absolviert war. Womit sollte man dann der Mutter eine Freude zum Geburtstag machen? Selbst gemalte Bilder hatte sie so viele, dass sie das große Wohnzimmer damit hätte tapezieren können. Blumen kamen natürlich immer gut an, aber Maiglöckchen wirken nur ab einer Menge über zwei Dutzend – welch exorbitanter Luxus in einem Blumenladen. Aber Not macht erfinderisch.

In meiner westfälischen Heimat ist das Land flach und das Fahrradfahren war im damals noch weitgehend fernsehlosen und völlig computerlosen Kinderleben eine sehr beliebte Freizeitbeschäftigung. Sobald der Frühling kam, gondelte auch ich auf meinem Radl durch die umliegenden Bauernschaften und stromerte durch die Wiesen und Wälder. Ich hatte damals noch den klaren Berufswunsch Tierforscher zu werden – Heinz Sielmann war mein großes Vorbild. Auf einer meiner besonders ausgedehnten Samstags-Touren durch die so genannten Boomberge nahe bei Harsewinkel stieß ich im Mai auf eine Stelle, an der Maiglöckchen wuchsen. Pulkweise. Hekatombenweise. Schiere Mengen. Und das nicht nur an einem Platz, sondern in mehreren großen Placken. Ich wusste bereits, dass man die Blüten nicht wie üblich abreißen darf, sondern vorsichtig aber konsequent aus dem Boden ziehen muss. Außerdem war mir klar, dass es klug war, diesen Ort geheim zu halten. Zwar war der Geburtstag meiner Mutter schon um in jenem Entdeckungsjahr. Doch es stand der Muttertag am folgenden Sonntag an. So zog ich einen riesigen Strauß zusammen, versteckte ihn erst in meiner Satteltasche und später in einem Gurkenglas im Keller und stach am folgenden Tag meine Brüder mit Leichtigkeit aus. Selten hat ein Wohnzimmer so geduftet, wie an diesen Tagen.

Angespornt dadurch wollte ich diese Wunderblumen in den elterlichen Garten setzen, um noch mehr bei meiner Ma zu punkten. So begab ich mich gut zwei Wochen später wieder in den geheimen Wald, grub sehr vorsichtig fünf Pflanzen aus und wickelte sie in ein mitgebrachtes Handtuch, das ich im nahegelegenen Bach eintunkte. Stolz radelte ich wieder gen Elterngarten. Das Ganze entpuppte sich jedoch als Misserfolg, denn die Maiglöckchen wollten nicht anwachsen und siechten dahin. Währenddessen verriet ich meinem damaligen besten Freund Ralf mein Tun. Diese liebenswürdige Spaßbremse holte mich neunmalklug auf den Boden der Tatsachen zurück und erklärte mir über seine Glasbaustein-Brille hinweg ein wenig wichtigtuerisch, dass Maiglöckchen unter Naturschutz stünden und es verboten wäre, sie zu pflücken oder gar auszugraben. Stockschwerenot! Ralf und ich hatten gerade unsere katholische Erstkommunion hinter uns und wir beschlossen, dass ich das unverzüglich zu beichten hätte. Vielleicht würde Gott dann helfen, dass ich nicht im Kittchen landete – denn davor hatte ich wirklich Angst. Der Priester brummte mir einige Rosenkränze auf, Gott zwinkerte mir dabei zu und verpetzte mich nicht – Ralf hielt übrigens auch dicht. Das Beichten habe ich mir in den folgenden Jahren abgewöhnt und trotzdem immer einen Strauß im Mai gepflückt. Das habe ich mit Gott dann alleine abgemacht …

Doch ich wollte auf Dauer der Illegalität und dem einher gehenden schlechten Gewissen entkommen. So setzte ich alle Hebel in Bewegung, um Maiglöckchen im Garten zu etablieren und stellte fest, dass sie entweder wachsen wie verrückt oder einfach nicht wollen. Sandigen Boden tolerieren sie nur unter Laubgehölzen – der Schatten von den damals modischen Omoriken-Fichten war ihnen ein Gräuel. Humus, so heißt das Zauberwort. Und natürlich Halbschatten – doch wenn alles andere passt, wagen sie sich auch vorwitzig in die Sonne und unterwandern mit ihren langen Wurzelausläufern Hecken, Terrassenplatten und Wege.

Es dauerte ein wenig, bis sie in unserem Garten Fuß gefasst hatten. Und ich staunte nicht schlecht, als sich zeigte, dass das ehrlich erworbene Garten-Maiglöckchen deutlich größer und prächtiger wuchs und blühte, als die wilden Kollegen im Wald. Kein Anlass mehr, die Natur zu freveln. Ich versichere Ihnen hoch und heilig, die Maiglöckchenstellen seitdem nicht mehr entweiht zu haben.
Im Laufe der Jahre lernte ich noch andere Maiglöckchen-Züchtungen kennen. Doch muss ich zugeben, dass mich nur die Sorte mit den gestreiften Blättern wirklich interessierte. Ich finde, sie wirkt zur Gartenform wie eine schicke Schwester, die ein Nadelstreifen-Kostüm übergeworfen hat. Und doch übertrifft keine Züchtung den schlichten Zauber der Urform. Ist es nicht ein großes Kompliment für eine Blume, wenn der Mensch über die Jahrhunderte kaum an ihr herum gezüchtet hat? Wer an dem anderen nichts verändern möchte, liebt ihn so, wie er ist. Die beste Voraussetzung für dauerhaftes Liebesglück, finden Sie nicht auch?


Text und Fotos: Andreas Barlage