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Lilien und ihre Tricks

Mein Blumengeschmack ist im Gegensatz zu meinem sonstigen Lebenswandel ziemlich klassisch. Ich bekenne mich freimütig zu sogenannten „Oma-Blumen“ und liebe es, meine Klivie, diverse Weihnachtskakteen, Rittersterne (= »Amaryllis«) oder die schwer aufzutreibende Korallen-Begonie (… ich habe meine vor 4 Jahren auf einem Bauernmarkt auf Gran Canaria gefunden, im Handgepäck mitgenommen … jetzt ist sie übermannshoch) im Zimmer zu kultivieren und schrecke nicht einmal davor zurück, Grünlilien zu lieben.

Im Garten, genauer gesagt auf der Terrasse, sieht es nicht anders aus. Hier tummeln sich neben Rosen etwa Nelken, Stiefmütterchen, Löwenmäulchen, Jungfer-im-Grünen (wenn die paar Keimlinge sich endlich entschließen könnten, weiter zu wachsen …) oder Flieder. Leider eignen sich Päonien und Taglilien nicht besonders für die Gefäßkultur und so gehören sie jetzt zu meinen nicht stillbaren Pflanzensehnsüchten. Dafür habe ich Oleander, die ich als absoluten Klassiker unter den Kübelpflanzen von klein auf kenne, wieder entdeckt und ziehe gerade einen geschenkten Ableger einer Engelstrompete groß.

Und Lilien!

Zu diesen herrlichen Blumen hatte ich allerdings lange ein ambivalentes Verhältnis – wofür die Lilien nichts konnten. Mein Zwiespalt begründete sich in der Tatsache, dass Wühlmäuse Lilienzwiebeln so lecker finden, dass sie neben Tulpen immer die ersten waren, die verschwanden, sofern sie nicht durch einen Drahtkorb gut geschützt waren. Außerdem stellt sich immer gerne das Lilienhähnchen, ein eigentlich recht hübscher Käfer, mit seinen Maden, die sich eingekotet auf den Blattunterseiten aufhalten, ein. Und dieser weckte in mir Mordgelüste, denen ich durch Absammeln nachgegangen bin. Einen solchen Aufwand bei der Pflege habe ich dann im Garten nur bei meinen etwa 40-50 unverzichtbaren Lilien betrieben. Da Lilien stets in Pulks von mindestens 5 Pflanzen gut aussehen, reduzierte sich das Sortenspektrum ein wenig. Immer aber waren 'Black Beauty', die Mandarin-Lilie (Lilium henryi), die Königs-Lilie (Lilium regale) sowie die Tiger-Lilie (Lilium lancifolium 'Splendens') mit von der Partie, ergänzt durch spannende, vorzugsweise stark duftende Züchtungen.

Doch die Dachterrasse bietet einem Lilienfreund wie mir eine ganz neue Perspektive: Die der Wühlmausabwesenheit.

Der Himmel ist also offen, wenn man die Pflanzen richtig versorgt. Am einfachsten ist es, im Spätherbst oder zeitigem Frühling Zwiebeln zu pflanzen. Zwei Aspekte sind dabei unbedingt zu beachten:

  1. Die Zwiebeln dürfen nicht faulen: Darum ist ein guter Wasserabzug durch eine Schicht von Tonscherben und/oder Granulat am Gefäßboden der Abzugslöcher aufweisen muss, essentiell. In den Untersetzern darf niemals Wasser stehen bleiben.
  2. Die meisten Lilien bilden Wurzeln an ihren Stängeln. Darum müssen die Zwiebeln so tief gesetzt werden können, dass etwa zwei Handbreit Erde über sie kommt. Ergo: Hohe Gefäße sind angesagt.

Wer dann noch darauf achtet, dass die Blütezeiten der einzelnen Arten und Sorten aneinander anschließen, kann sich auf Lilien zwischen dem ausgehenden Frühling bis in den Spätsommer hinein freuen. Mit den Türkenbund-Lilien (Lilium martagon) und ihren Sorten kann es losgehen, und zu den spätesten Sorten zählt die unvergleichlich schöne 'Black Beauty'.

Doch Lilien haben noch mehr zu bieten, als die Schönheit ihrer Blüten. Arten wie die Tigerlilie bilden in ihren Blattachseln kleine Zwiebeln, sogenannte Bulbillen. Sie sind reif, wenn die Blüten welken und fallen dann ab. Ihr Aufkommen sollte man nicht dem Zufall überlassen, sondern diese Minizwiebeln in Töpfen weiter kultivieren. Nach etwa drei Jahren ist mit den ersten Blüten zu rechnen, die – weil vegetativ vermehrt – absolute Ebenbilder der Elternpflanze sind.

Auch Lilien ohne Bulbillen können selbst vermehrt werden. Über Samen geht das ganz gut mit der herrlichen Königslilie (Lilium regale), die bereitwillig Früchte ansetzt. Die Kapseln werden abgenommen, sobald sie trocknen und sich zu öffnen beginnen. Der Samen kann direkt ausgesät werden und sollte im Freien stehen. Allerdings dürfen die Saatgefäße nicht durchfrieren. Ein Balanceakt zwischen notwendiger Kälte aber zerstörerischem Frost ist also auszutarieren. Meist keimen die Samen im folgenden Frühling. Geben Sie die Saatgefäße nie zu früh auf, zuweilen dauert es auch im Frühling Monate, bis sich etwas zeigt. Keimlinge werden dann in einzelne Töpfe pikiert und versorgt. Man kann mit etwa drei Jahren rechnen, bis sie das erste Mal blühen – aber dann hat man auch eine stattliche Anzahl von Pflanzen, mit denen sich atemberaubende Gartenbilder schaffen lassen. Nach dem gleichen Prinzip kann man auch mit anderen Wildarten, etwa Türkenbund (Lilium martagon) vorgehen.

Vermehrung durch Samen bedeutet stets, dass die Nachkommen ein wenig spielen. Auch wenn die genannten Lilienarten durchaus sehr ähnlich fallen, ist eine gewisse Varianz der Normalfall.
Wer aber genau die gleiche Pflanze, etwa eine Züchtung, vermehren will – ich probiere das gerade mit 'Pink Perfection' – muss sich die Zwiebeln der Lilien vornehmen. Sie sind erfreulicherweise geschuppt. So lassen sich im Frühling einzelne Schuppen abtrennen. Pellen Sie bitte niemals mehr als die Hälfte der Zwiebel ab, (lieber maximal ein Drittel). Stecken Sie die Teilstücke in Aussaatsubstrat unter gespannter Luft auf Lücke ein. Wichtig ist es aufzupassen, dass das Substrat weder vernässt noch austrocknet. In ein paar Wochen bilden sich an der Basis der Zwiebelschuppen klitzekleine neue Zwiebeln, die austreiben. Auch hier brauchen die Pflanzen mindestens zwei, meist drei Jahre, bis sie blühfähig sind.

Lilien sind allesamt fantastische Gewächse, die sich vorzüglich für die Kübelkultur eignen. Dort nehmen sie nicht nur wenig Platz ein. Schon die Austriebe verbreiten Vorfreude – erst recht, wenn sich die allerersten Knospen kleiner als erbsengroß an der Spitze der Triebe zeigen. Und wenn dann die ersten Blüten offen sind, kann man es kaum fassen, welche Kleinode man sein eigen nennt.
Irgendwo habe ich mal geschrieben »ohne Rosen geht es nicht«. Ich erweitere das im Brustton der Überzeugung mal eben auf »… und ohne Lilien auch nicht!!«


Text: Andreas Barlage
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer