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Liebenswerte Streuner

Es gibt ja verschiedene Typen von Menschen, die einen Garten haben und bewirtschaften. Zum Beispiel die, die ein Beet oder einen ganzen Garten einmal bepflanzen möchten und ihn dann „fertig“ haben, so dass lediglich laufende Pflege ansteht. Mich persönlich erinnert das immer an die Vorstellung der Ewigen Glückseligkeit im Himmel, wenn man auf einer Wolke sitzt und nur noch mit der Harfe bewaffnet ein mehr oder weniger tonal geglücktes „Hallelujah“ singt. Perfekt aber langweilig.

Mir liegt das nicht.

Eine meiner wichtigsten Antriebsfedern beim Gärtnern ist meine Neugier. Stets und immer will ich neue Pflanzen kennen lernen und probiere Kombinationen mit ihnen aus. Mittlerweile sind aber nun meine „festen“ Gartenplätze, die von langlebigen Stauden, Rosen und Gehölzen belegt sind, ausgereizt und ich freue mich daran, wie sie alle sich etablieren und schöner und schöner werden. Lücken in Beeten (ja, die gibt es auch) fülle ich gerne mit kurzlebigen Stauden, Zwei- und Einjährigen … ein Garten ohne Wicken, Ziertabak oder Ringelblumen ist für mich nicht vorstellbar und es macht mir Spaß, sie stets im Frühling auszusäen und heranzukultivieren und dabei neue Sorten kennen zu lernen.

Aber das ist lange nicht alles!

Nur zu gerne lasse ich mich durch den Garten selbst überraschen. Das geht ganz einfach, wenn man erstens die richtigen Pflanzen aussucht und zweitens Verblühtes nicht sofort ausschneidet. Alles, was sich aus dieser Riege einigermaßen wohl fühlt in meinem Gartenort, streunt dann malerisch durch die Beete.

Angefangen hat das alles mit den Halbschatten-Klassikern Akelei (Aquilegia vulgaris) und Fingerhut (Digitalis purpurea). Die stehen gebliebenen Blüten produzierten reichlich Nachwuchs, der sich in allen möglichen und unmöglichen Ecken breit oder schmal macht… je nach Wuchsform. Sehr zupass für dieses Spektakel ist meine Gelassenheit beim Gartenarbeiten, denn ich entferne immer nur „Unkraut“, das ich als solches eindeutig identifizieren kann und lasse alles andere mal kommen. Siehe da: Auf einmal formieren sich Gruppen die vorgeplante Beetkonzepte bereichern – oder zu Fall bringen. Mit der Zeit bekam ich ein Gefühl dafür, welche Jungpflanzen zu welcher Art gehören und ob sie sich noch eventuell umsetzen lassen. Bei Fingerhut etwa ist das im frühen Herbst selten ein Problem, wenn genug Wurzeln mitkommen; Akeleien hingegen quittieren ein Umsetzen gerne mit Kümmerwuchs. Da ich von ihnen sowieso nie genug bekommen kann und es unter keinen Umständen übers Herz bringe, eine Akelei zu töten, lasse ich sie einfach überall wachsen. Selbst wenn ein wäscheweiches fahles Rosa zu Knallgelb oder Orange zu stehen kommt – egal.

Einmal auf die Idee gekommen, experimentierte ich mit anderen Pflanzenarten herum. Meist ist es mir zu aufwändig, selbst alles auszusäen. Ich setze einfach drei bis fünf Probepflanzen an den passenden Standort und lasse sie machen. Das bescherte mir die Bekanntschaft kleiner und großer Horden von Gelbem Scheinmohn (Meconopsis cambrica), Duftender Nachtkerze (Oenothera odorata), Iberischem Löwenmaul (Antirrhinum braun-blanquettii), Grönland-Veilchen (Viola labradorica), Heidenelke (Dianthus deltoides), Purpur-Witwenblume (Knautia macedonica) und Patagonischem Eisenkraut (Verbena bonariensis), die sich nun jedes Jahr mal stärker, mal weniger auffällig in den Beeten herum treiben. Hinzu kommen noch einige einjährige Gäste aus dem Kräuterbeet wie Dill (Anethum graveolens) oder Borretsch (Borago officinalis), die irgendwie schon immer im Garten wohnten und schöne Akzente setzen.

Diese Gartenidee – finde ich – hat es verdient verbreitet zu werden. Das dachten sich auch Jonas Reif und Christian Kreß, die in ihrem preisgekrönten Buch „Blackbox-Gardening“ dem legeren Gärtnern mit Natur-Überraschungseffekt huldigen. Ich bin so froh, dass es dieses Buch gibt; neue Impulse für eine Grundidee sind immer willkommen! …und Mutter Natur als Designerin ist sowieso unschlagbar. Man muss ihr nur das passende Material anbieten…


Text und Fotos: Andreas Barlage