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Lichter Schatten

Vor einem Jahr habe ich über die ‘Liebhaber des Halbschattens’ geschrieben, die im älteren Teil des Kräutergartens ein langes Beet unter teils verwilderten, teils nur noch als Ruinen überdauernden, sicher mehr als hundertjährigen Obstbäumen bilden.

Ich muss auf das Thema zurückkommen. Denn jedes Jahr begeistert mich im Frühling das Grünen und Blühen der Schattenliebhaber unter meinen Kräutern. Sehr viele der Pflanzen, die pralle Sonne verabscheuen, blühen nämlich zeitig im Jahr. Das hat einen einfachen, sozusagen öko-strategischen Grund: Zum raschen Austrieb, bei dem Blatt und Blüte bei vielen Arten fast gleichzeitig erscheinen, brauchen diese Schattenbewohner denn doch mehr Helligkeit, als sie unter dem entfalteten Blätterschirm der Bäume bekommen. Also beeilen sie sich, früh und rasch zu sprießen und ihre Blüten zu öffnen, noch bevor das Laub der Bäume und Sträucher den im Sommer ersehnten Sonnenschutz ausbreitet.

Jetzt – bei der verzögerten Vegetationsperiode dieses Jahres um zwei bis drei Wochen verspätet – ist das Halbschatten-Beet unter den alten Obstbäumen besonders schön, mit einem fast geschlossenen Teppich von Bodendeckern: Die verschiedenen Frühlingsanemonen sind schon fast verblüht, dafür öffnet der großflächig ausgebreitete Waldmeister (Galium odoratum) seine kleinen weißen Blütenschirme, und die dunkelgrünen, runden, glänzenden Blätter des Haselwurzes (Asarum europaeum) bilden einen aparten Kontrast.

Aber nicht nur im älteren Gartenteil habe ich ein Beet mit Schattenliebhabern angelegt, auch im neuen Schaugarten bot sich der Platz unter den weit ausladenden Ästen einer Eiche für eine solche Pflanzung an. Ich habe für diese Partie einige wenig bekannte, aber sehr attraktive einheimische Wildstauden ausgewählt, die jetzt auffällige Akzente setzen. Die große Gruppe der Süßdolde (Myrrhis odorata) hat ihre langen, Farnwedeln ähnlichen Blätter ausgebreitet und fängt gerade an, die weißen Blütendolden zu entfalten. Eigentliche sollte diese Staude in jedem Garten, in dem es eine Partie mit lichtem Schatten gibt, gepflanzt und gehegt werden – dabei ist diese filigrane Schönheit ganz pflegeleicht, beständig und winterhart, und sie samt sich, wenn man sie lässt, zu einem ansehnlichen Bestand aus. Die Blätter sind tatsächlich süß, mit einem deutlichen Anis-Geschmack, und eignen sich ausgezeichnet für Suppen, Salate und als Aromageber für Bowlen, Eis oder Joghurt. Die Früchte – etwa zwei Zentimeter lange, wie Schoten aussehende Samenkapseln – schmecken, solange sie noch grün und unreif sind, so intensiv nach Anis, dass Kinder sie als ‘Lakritzbonbons’ schätzen. Also: Der Schattengarten bietet auch noch Köstlichkeiten für die Küche.

Dazu kann auch der Bärwurz (Meum athamanticum) beitragen: Sein filigranes, ganz fein zerteiltes Laub eignet sich hervorragend zu Suppen, Soßen und Salaten, mit einer herb getönten Süße an Fenchel oder auch Dill erinnernd. Die einheimische Wildstaude wird immer noch viel zu wenig beachtet, wo doch ihre aparte, zarte Schönheit einen auffälligen Schmuck für jede Schattenpartie darstellt. Die weißen Blütendolden sind feiner strukturiert als die der Süßdolde. Bärwurz wird an einem Ort, der ihm zusagt, sehr alt, treibt jedes Jahr ein bisschen üppiger aus – bei mir neigen sich seine frisch grünen, nadelfein gegliederten Blätter über ein großes, langsam zerfallendes Eichenscheit mit grober Rinde, ein malerischer Anblick.

Gleich nebenan wächst der zur Zeit wohl auffälligste Schattenliebhaber, in mittelhohen, stattlichen Büschen mit dunkelgrünen, genarbten Blättern, die seine ‘Familie’ verraten, die Taubnesseln. Unter den in Etagen angeordneten Blättern zeigen sich sehr große, rot und bräunlich getönte Lippenblüten, die den Waldrandbewohner wahrhaftig als ‘König’ der Taubnesseln erscheinen lassen: den Nesselkönig (Lamium orvala). Auch diese wunderbare Pflanze ist viel zu wenig bekannt. Auch sie hat Genüsse zu bieten: Die jungen Blätter und Triebspitzen zu Salaten und Suppen, zu gedünstetem Gemüse, und die Blüten gehören zu den süßesten essbaren Dekorationen, die man im Garten finden kann.

In der nächsten Gartennotiz will ich auf weitere Schönheiten für Halbschattenpartien hinweisen –  wer sich nicht nur an Funkien, Storchschnabel und Farne hält, kann im beschatteten Gartenteil die wunderbarsten Kompositionen arrangieren.


Text und Fotos: Ludwig Fischer